Ein Rückblick. Eindrücke aus 2024. Ein Schulterblick in die digitalisierte Welt von gestern…
Eindrücke anno dazumal:
Die Digitalisierung der Welt trifft uns alle. Wir sehen heute Auswirkungen der technischen Entwicklung in diesem Sektor, der in andere Sektoren übergreift, in einem Ausmaß, das für uns vor 10 Jahren nur Fiktion war. Die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz erweitern sich mit rasanter Geschwindigkeit, die sich nahezu potenziell steigert. Sie greift bereits in unsere Lebenswelt, und zwar so, dass wir sie manchmal bewusst wahrnehmen können, oft ist es aber auch schon so, dass wir deren Wirken gar nicht mehr merken. Elon Musk meinte bereits 2014, dass das Potenzial der künstlichen Intelligenz zerstörerischer ist als die Atombombe. Alleine schon diese Aussage muss uns aufhorchen lassen und ernst genommen werden, vor allem, weil sie von einem kommt, der in sich in seinem Schaffen nicht nur darauf konzentriert, was der Menschheit nützlich ist, sondern auch, was möglich ist. Sein Neurolink, die Verbindung eines Chips mit dem menschlichen Gehirn, ist nur ein Beispiel dafür, welch ungeahnte Entwicklungen uns hier noch bevorstehen.
Literatur gibt es zu dem Thema massenweise, es ist schwierig, sich in dieser Welt ein klares Bild dazu zu machen. Vor allem deshalb, weil es gut sein kann, dass sich die Grundlagen dafür am nächsten Tag schon wieder ganz anders darstellen. Aber was können wir für uns, abseits von Euphorie und Dystopie, mitnehmen? Ist es möglich, sich eine Art reduziertes, prinzipielles Bild zu machen, und so zu überlegen, wie wir auf die Entwicklungen in der digitalen Welt einwirken können? Wir erleben gerade eine Zeit des Paradigmenwechsels, der, so finde ich, durchaus vergleichbar ist mit jenem des Übergangs von Jägern und Sammlern zur Sesshaftigkeit, der Erfindung des Buchdrucks, der Dampfmaschine, der Elektrizität oder der Nutzung der Atomenergie. Wir befinden uns mittlerweile mitten auf einem Pfad, auf dem es nur in eine Richtung geht und der das menschliche Leben massiv beeinflussen wird, ob wir das wollen oder nicht.
Die Digitalisierung mit all ihren Auswirkungen dringt in all unsere Lebensbereiche. Sie unterstützt, und zwar in einem solchen Maße, dass es nicht nur nützlich, sondern schon beängstigend wirken kann. Sie hat nämlich die Fähigkeit, die wir sonst eigentlich nur uns als menschlichen Individuen in unserem Handeln zuschreiben, nämlich die von uns erlebte Wirklichkeit maßgeblich zu beeinflussen. Das Thema ist ein so vielfältiges, dass es uns mittlerweile schwerfällt, einzelne Aspekte herauszugreifen und diese zu diskutieren, ohne dass wir schnell in ganz anderen Bereichen landen, ohne wirklich zu einem vernünftigen Ergebnis zu kommen. Das liegt daran, dass alle Fassetten dieser Thematik so nahe aneinander liegen und vernetzt sind, dass beispielsweise eine Differenzierung von Nutzen und Gefahr kaum mehr möglich ist.
Man muss sich daher fragen, ob es Sinn macht, einen einzelnen Aspekt herauszugreifen, oder ob man sich nicht eine andere Methode sucht und diese, in dem man Aspekte und Argumente möglicherweise sogar etwas unzusammenhängend hineinzieht, betrachten möchte.
Die fünf Aspekte der Entwicklung der Digitalisierung.
Von „deus ex machina“ zu Deep Learning.
Digitalisierung ist die Übertragung analoger Inhalte in diskrete Einheiten, quasi eine Vereinfachung. Kulturwissenschaftlich ist es der Prozess der Reorganisation von Kultur mithilfe digitaler Medien und Praktiken, hinter denen das Bedürfnis steht, etwas zählbar zu machen. Beispiele dafür sind die Geldwirtschaft, die Verbreitung der Uhr und des digitalen Zeitkonsenses, die Reorganisation von Arbeit durch den Taylorismus und schlussendlich die Vorbereitung und Vernetzung von Rechenmaschinen. Auch die gesellschaftliche Entwicklung der Thematik in Verbindung mit KI und Maschinen reicht lange zurück. Die Idee bzw. die Angst vor Maschinen, die mächtiger sind als wir finden wir schon in der Antike.
Die „Deus ex machina“ in archaischen griechischen Erzählungen, das als Hilfsmittel der Götter dient und das Scharnier zwischen Himmel und Erde bildet, ist ein Beispiel dafür. Auch im alten Testament wird bereits eine Maschine beschrieben, die die irdischen Gesetzmäßigkeiten zu überwinden vermochte. Neuzeitliche Versuche wie Vaucansons Trompetenspieler, der eine Flöte zu spielen vermochte oder seine mechanische Ente entwickelten eine Faszination für scheinbar selbständig agierende Mechanik. August Huber aus dem appenzellischen Teufen entwickelte den Maschinenmenschen „Sabor“. Dieser war in der Lage, 25 verschiedene Bewegungen darzustellen, seine Ohren waren Mikrofone, im Körper wurden Leitungen mit an die 2500m Länge verbaut.
Diese Maschine wurde über UKW gesteuert, von Selbständigkeit was das also noch weit entfernt. Dennoch, die Faszination dafür war exemplarisch für die Neugier, die Angst und die Bewunderung, die von dieser Technik ausgeht. Mittlerweile haben sich Hard- und Software auf ganz andere Ebenen gehoben. 1996 schlägt der Schachcomputer Deep Blue den Schachweltmeister Kasparov. Dabei gewinnt aber nicht die intelligente Maschine, sondern deren Rechenleistung. ChatGPT ist ein weiteres und aktuelleres Beispiel dieser Entwicklung.
Grundlage dieser Systeme ist das „machine learning“. Der Begriff impliziert zwar dass dieses menschlichem Lernen ähnelt. Grundlage dafür sind aber große Datenmengen, in denen mittels statistischer Prozesse sowie mittels trial and error Verfahren Muster und Regeln erkannt werden. Deep Learning ist ein Teil davon. Dieses basiert auf einer Architektur eines künstlichen neuronalen Netzwerks mit Lagen und Verbindungen, inspiriert durch neuronale Netze des menschlichen Gehirns.
Kennzeichen von Deep Learning ist die höhere Anforderung an die Daten und weniger menschliche Intervention. Insgesamt handelt es sich um Algorithmen, die autonom von menschlichem Einfluss zu Resultaten und Entscheidungen gelangen können. Deep Learning kann so helfen, Probleme mit großen Datenmengen zu lösen. Das heißt aber auch, dass wir den Weg zu Entscheidungen und Resultaten somit zum Teil nicht mehr nachvollziehen können. Deep Learning führt aber immer noch nicht zu menschlicher Intelligenz und Urteilskraft, denn diese setzt die Verbindung zur Welt und die Integration in einen Körper voraus, der die Welt subjektiv erleben und fühlen kann.
Es sind also unser aller Daten, die für KI-Systeme und maschinelles Lernen unabdingbar sind. Zum Wohle der Menschheit!? Leider erfahren wir Tag für Tag, dass KI für nicht allzu menschenfreundliche Zwecke genutzt wird. Nur ein Beispiel: Der Guardian berichtet am 1. Dezember 2023, „How Israel uses AI to select bombing targets in Gaza.“ Vor dem Einsatz dieser Technik konnte das israelische Militär mittels Targetting-Prozessen 50 Ziele gegen Terroristen der Hamas pro Jahr festmachen. 2021 waren es bereits 100 täglich.
Diese werden unterschiedlichen Wirkmitteln zugeordnet. Die Spur der Verwüstung, die wir tagtäglich in den Medien präsentiert bekommen, spricht für sich. Dennoch. Es lässt sich auch Positives berichten. In der Medizin unterstützt KI bei der Diagnose von Krankheiten und kann durch die Einbeziehung von Unmengen von Daten wirkungsvollere Heilungsstrategien entwickeln.
Ein Gewinn für Ärzte und Patienten. Zusätzlich lässt sich das kränkelnde Sozial- und Krankenversicherungssystem mit dem klugen Einsatz dieser Technik revolutionieren und so der Druck auf das medizinische Versorgungssystem reduzieren.
Regeln und Ordnung?
Neben ethischen Auswirkungen und Risiken, die wir tagtäglich miterleben, können Regulierungen auch ethisch Gutes verhindern. Gleichzeitig gibt es hier für den freien Menschen und seine Vertreter ein Lobbyingproblem. Das Anlegen mit den großen Playern in dem Feld ist nicht einfach. Denn mit ihren allmächtigen Monopol-Suchmaschinen haben diese die Macht, einen inklusive seiner Ideen auch Seite 10 des Suchergebnisses zu verbannen. Dass es Regeln benötigt, ist aber auch in der Welt der Großen Spieler bei der Digitalisierung und KI angekommen.
Cambridge Analytics Affären um das BREXIT-Votum, der Vorwurf der Manipulationen des US-amerikanischen Wahlkampfs bis hin zum Interface zwischen Computer und menschlichem Gehirn bei Musk zeigen uns eben, was alles möglich ist und wie weit Ethik und Moral davon betroffen sind. Die Suche nach Mitteln und Wegen zu einem guten, ethisch akzeptablen Umgang mit KI ist schwierig, zu verlockend sind da doch die Vorteile, die man für sich selbst, egal ob als einzelner, als Unternehmen, als Politiker oder als geopolitischer Akteur daraus ziehen kann. Dennoch: Verschiedene Ethikräte, zum Beispiel der deutsche, geben Empfehlungen, wie mit KI in verschiedenen Sektoren wie Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Medizin etc. umgegangen werden kann.
Die EU hat zB schon 2019 ethische Richtlinien zur Regulierung von KI verabschiedet, die im Dezember 2023 zu einer politischen Einigung zum KI-Gesetz in der EU führten. Ziel ist die Förderung einer vertrauenswürdigen KI, die rechtmäßig, ethisch und robust sein soll. Anforderungen sind dabei,
- erstens, der Vorrang menschlichen Handelns und menschliche Aufsicht,
- zweitens, technische Robustheit und Sicherheit,
- drittens, Schutz der Privatsphäre und Datenqualitätsmanagement,
- viertens, Transparenz,
- fünftens, Vielfalt, Nichtdiskriminierung und Fairness,
- sechstens, gesellschaftliches und ökologisches Wohlergehen und
- siebtens, Rechenschaftspflicht.
Dabei wurde ein risikobasierter Ansatz gewählt. KI-Systeme mit unannehmbaren Risiko sind verboten, mit hohem Risiko in Bereichen Infrastruktur, Schul- u. Berufsbildung, Sicherheitskomponenten, von Produkten, Personalmanagement, Strafverfolgung, Migration unterlegen strengen Vorgaben und Kontrollen, mit geringem Risiko gilt die Transparenzpflicht. Lediglich bei Systemen mit minimalem Risiko gilt freie Nutzung ohne Eingriffe. Auch Google und IBM setzten sich eigene Reglements. Google setzt dabei auf „Principles for Artificial INtelligence“. Dabei soll KI sozialen Nutzen gefördert, Bias (Verzerrung) nicht verstärken oder erzeugen, auf Sicherheitsaspekte hin überprüft werden, dem Menschen gegenüber verantwortlich sein, Grundsätze des Datenschutzes befolgen, hohe wissenschaftliche Standards einhalten und verfügbar für Anwendungen gemacht werden. IBM mit „AI-Ethics“ verfolgt drei Prinzipien und fünf Säulen. Prinzipien sind:
- Zweck von KI ist die Erhöhung der menschlichen Intelligenz,
- die Daten mit Schlussfolgerungen gehören den Erzeugern und
- die Technologie muss erklärbar sein.
Die fünf Säulen: Erklärbarkeit, Fairness, Robustheit, Transparenz, Privatheit. Dahinter reihen sich viele andere Tech-Unternehmen ein. Das hört sich ja alles gut an, was sind dabei die Ableitungen? Allesamt verfolgen ähnliche Leitlinien. Zum Teil deutet viel auf rhetorische Selbstinszenierung hin, um bisheriges Verhalten zu rechtfertigen und um gute Auswirkungen beim Kunden zu erzielen.
Außerdem stoßen abstrakte Prinzipien immer auf Zustimmung und erzeugen kaum Widerspruch. Bewähren werden sich diese erst beim Implementieren in Anwendungen und Prozesse. Wir müssen in diesem Zusammenhang beachten, dass Demokratie als Selbstbeschreibung auch keine Garantie für die Einhaltung demokratischer Prozesse ist. Auch auf die Datenschutzgrundverordnung als Gesetzesgrundlage ist hier zu verweisen. Ich weiß, von vielen wird sie als Hemmnis und Hindernis betrachtet, mit unseren Daten gehen wir ja auch eher fahrlässig um, nach dem Motto „was soll denn schon sein“.
Nun, beginnend mit der Nutzung ALLER unserer Daten, die für vorher beschriebene Systeme unabdingbare sind über Manipulation bis hin zum Identitätsdiebstahl, da ist viel dabei. Ich glaube auch, dass es gerade der Datenschutz ist, der für uns eine sichere Welt ermöglicht, in der KI eine fixe Größe ist bzw. noch mehr sein wird.
Skepsis gegenüber Neuem – Schutz vor Unverständnis und Feindseligkeit. In einer digitalen Welt, die an Schnelligkeit immer mehr zunimmt, nimmt in meiner Wahrnehmung auch immer mehr das Gefühl der Machtlosigkeit des Einzelnen zu. Soziale Medien, in ihren Anfängen als neues, einfaches Instrument willkommen geheißen, um mit Bekannten von heute und früher in Kontakt zu kommen, werden immer mehr dazu genutzt, politische Ansichten auszutauschen und sich gegebenenfalls sogar zu Protesten zu organisieren. Vom einfachen Flashmop bis zur Revolution, alles war dabei. Der Möglichkeit der Machthaber, die Message zu kontrollieren, also eigene Nachrichten zu machen, war vermeintlich Einhalt geboten.
Ein System, das Wahrheit in nur wenigen Augenblicken um die Welt senden kann, ein Traum für die Freiheit der Menschheit. Oder? Viel zu schnell werden die Netzwerke genutzt, um diese Wahrheiten noch wahrer zu machen. Um schneller Ziele zu erreichen wird gerne mal was dazu erfunden oder uminterpretiert. Abgesehen von der Möglichkeit der Machthaber, diese Seiten im eigenen Einflussbereich einfach abzustellen bietet sich für diese aber auch die Möglichkeit, alternative Nachrichten und Informationen zu verbreiten.
Heute heißt es daher oft: „Die Inhalte konnten von unabhängiger Seite nicht überprüft werden.“ Nun sind wir bei einer neuen Freiheit, nämlich entscheiden zu dürfen, wem mehr geglaubt wird. Hier versteckt sich ein weiteres Problem. Anbieter sozialer Netzwerke leben von unseren Daten und unserem Nutzerverhalten. Algorithmen leisten ganze Arbeit, in dem sie diese aufnehmen, einordnen, uns angepasste Inhalte anzeigen und uns so in bestimmte Richtungen drängen. Personalisierte Werbung ist ein Beispiel dafür.
Ich gebe zu, ich lasse mich wie jeder von uns manchmal sogar gerne dafür motivieren. Uns werden aber nicht nur passende Produkte präsentiert, wir werden auch immer mehr in Filterblasen gedrängt, in denen uns unserem Nutzerverhalten entsprechende Inhalte präsentiert werden. Man kommuniziert in sogenannten Echoräumen, in denen durch Zuspruch und Scheindebatten Meinung zu Wahrheit wird. Beispiele wie die Rolle von Datenanalyseunternehmen im letzten US-Wahlkampf oder beim BREXIT-Votum zeigen, welch ernstzunehmende Möglichkeiten Akteuren offen stehen, vorausgesetzt sie verfügen über genügend Macht, Geld, Technik und Datenzugriff. Wir erleben es tagtäglich und mittlerweile wissen wir um die gesellschaftszersetzende Wirkung dieser Filterblasen und Echoräume.
Doch was dagegen tun? Die Vernunft spricht mit leiser Stimme, deshalb wird sie oft nicht gehört. Dennoch, hier dürfen wir nicht aufgeben und anstatt in Foren den Polterern das Feld zu überlassen, gilt es, freundlich aber bestimmt auf Vernunft, Meinungsvielfalt und Faktizität zu verweisen. Dies findet nachweislich Zuspruch von einer eben leisen, vernünftigen Masse, aber der Stein muss erst ins Rollen gebracht werden. Hierbei ist aber auch eine andere Ebene in Verantwortung, nämlich die des Rechtsstaates und der Gesellschaftsspitze sowie der Betreiber der Plattformen.
Regulierungen könnten diesen Filterblasen und den Echoräumen entgegenwirken. Respekt- und verantwortungsvolle Umgang mit Daten in den Getrieben dieser Netzwerke, die Respektierung unserer Besitzverhältnisse über unsere Daten und so weiter, wir müssen diese Ansprüche auch gegen Widerstände durchsetzen. Nun können wir anführen, dass wir ja freiwillig der Verarbeitung unserer Daten zustimmen. Wenn wir das nicht wollten, könnten wir auch draußen bleiben aus diesen Netzwerken. Hier kommt der zwanglose Zwang ins Spiel.
Die rasante Entwicklung in allen Aspekten der Digitalisierung hat mittlerweile dazu beigetragen, dass sich nahezu alle Lebensbereiche so vernetzt haben, dass sie fast nicht mehr voneinander getrennt nutzbar sind. Wir befinden uns hier nicht mehr in einem öffentlichen Raum, wo wir einen gewissen Schutz genießen, sondern zunehmend in privaten, nicht-öffentlichen Bereichen, in denen wir die Hausregeln zu akzeptieren haben. Ohne diese Räume können wir nur noch schwer am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Spätestens hier sind wir bei dem Argument, dass die gesellschaftliche Führung diesen Räumen Reglements, notfalls auch unter Zwang, auferlegt, die gewährleisten, dass unsere Daten auch unsere Daten bleiben. Könnte die gesellschaftliche Investition in ein öffentliches, soziales Netzwerk lohnend sein?
Ordentlich aufgezogen, könnten viele Vorteile, die die „Privaten“ bieten, angeboten werden, ohne dass automatisch ein Datenmissbrauch begangen wird. Ferdinand von Schierach zeigt dazu wieder andere Ideen auf. Er weist als Jurist auf die Menschenrechte hin, die sich aufgrund des Paradigmenwechsels in unserer Zeit nicht ändern, aber erweitern müssten. In „Jeder Mensch“ leitet er, zugegeben, einfache und naive Rechte her, die aber eben genau dadurch bestechen. Einzelne davon handeln, neben Umwelt, Wahrheit, Globalisierung auch von Aspekten der Digitalisierung.
Ich zitiere: „Artikel 2: Digitale Selbstbestimmung: Jeder Mensch hat das Recht, auf digitale Selbstbestimmung. Die Ausforschung oder Manipulation von Menschen ist verboten.“ „Artikel 3: Künstliche Intelligenz: Jeder Mensch hat das Recht, dass ihn belastende Algorithmen transparent, überprüfbar und fair sind. Wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.“ Für diese Vorschläge kann man im Rahmen einer Online-Petition unter www.jeder-mensch.eu abstimmen.
Profil und Selbsterkenntnis
Ich bzw. Um uns in Netzwerken zu bewegen, benötigen wir ein Profil. Dieses können wir oft so gestalten, wie wir es gerne hätten. Was dabei interessant ist ist, dass es nicht dem ich im echten Leben entsprechen muss. Wir können uns zusätzliche Eigenschaften zuschreiben, die wir gerne hätten, wir können Profilfotos wählen, die uns in einem besonders guten Licht dastehen lassen, wenn sie überhaupt uns zeigen.
Eigentlich gestalten wir also ein alternatives Ich in einer alternativen Welt. Nicht nur eines, manchmal auch mehrere, über Avatar oder Zweitprofile. Zusätzlich wird es aber auch schwieriger, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, alles bleibt im Internet, für immer. Ein Leben in permanent verbundenen Räumen bedeutet daher, dass man ständig beobachtbar und kontrollierbar ist. Das führt dazu, dass man sein Verhalten anpasst, man postet Texte und Bilder nicht, weil man diese besonders empfehlenswert findet, sondern um sein Dazugehören zu dokumentieren.
Die Äußerungen werden dabei den Erfordernissen der Gruppe angepasst. Dies ist ein wechselseitiger Prozess, der sich durch Likes und Kommentare verstärkt. Die Selbstdarstellung wird so den wahrgenommenen Erwartungen anderer Menschen angepasst, eine Verstellung, die man als Verzerrung des eigenen Ichs bezeichnet. Dies führt auch zu einer Enthemmung, in denen die in Jahren der Sozialisation erlernte Zurückhaltung aufgegeben wird. Wozu das führen kann, ist in zahlreichen online-Mobbingfällen dokumentiert.
Durch den fehlenden Wissensbezug aus der klassischen Logik des gedruckten Wortes und der Hinkehr zu tribalistisch orientierten Lebenswelten findet ein allmähliches Ablösen des individuellen Selbst durch eine Art Netzwerk-Persönlichkeit statt, die als relationales Selbst bezeichnet wird. Weg von linear aufgebauten Argumentationsfolgen im Diskurs, hin zu zirkulär, assoziativen und gleichzeitigen Argumentationen. Dieser permanente Austausch des relationalen Selbst, der sich am Verhalten der anderen Netzteilnehmer orientiert und ausrichtet, bedeutet im Kern eine Abkehr von der menschlichen Autonomie, wie wir sie kennen. Der freie Wille, so es diesen gibt, ist auf dieser Grundlage nicht mehr denkbar, das selbstbestimmt handelnde Individuum als Grundlage einer Demokratischen Gesellschaft auch nicht mehr.
In einer Zeit, in der Instagram-Models zum plastischen Chirurgen gehen, um ihrem Profilbild mit Weichzeichnungs- und Verstärkungsfiltern möglichst ähnlich zu werden, ist also Vorsicht geboten. Eine Umformung dieser sozialen Netzwerke zu wirklich sozialen, gesellschaftlich orientierten Plattformen für eine freie, diskursive Öffentlichkeit wäre wünschenswert, wenn auch etwas utopisch. Zu verlockend scheinen die aktuellen Angebote für die Mitglieder unserer Gesellschaft. Als ethisch handelnde Subjekte müssen wir also die Entscheidungshoheit über das digitale Leben zurück holen. Wenn wir die Fragen, was für Menschen wir sein wollen, mit „freien Menschen“ beantworten wollen.
Freiheit ist auch Verantwortung. Damit wären wir wieder bei der Idee einer öffentlichen Plattform, für dessen Teilnahme man vielleicht zahlen müsste, dadurch aber nicht von Technologiekonzernen als bloße Datenobjekte bewirtschaftet wird. Stellen wir uns also auch die Frage: „Wer will ich sein?“
Erst ein anderer Blick, eine andere Perspektive, Das Beleuchten von Unbekanntem, die Reflexion ermöglichen es uns, einen Überblick zu gewinnen. So war es bisher im menschlichen Leben.
Betrachten wir aber die Thematik Digitalisierung bzw. Künstliche Intelligenz, wird es trotz größter Anstrengungen schier unmöglich, einen Überblick zu erhalten.
Erkenntnisse sind möglich, diese haben aber gezwungenermaßen Einfluss auf eine Reihe von anderen Denkensfeldern. Die Digitalisierung wird uns zukünftig nicht einfach loslassen, im Gegenteil, wir dürfen gehörig aufpassen, dass wir unsere Mitbestimmungsmöglichkeiten über unsere Leben und unsere Selbst erhalten.