Besetzung:
– Rosl: aus Berlin, jüdisch, 85 Jahre, ledig, Schneiderin; lebt in Vence. Kam mit elf Jahren aus Berlin nach Dieulefit.
– Theodora: aus Versailles, 79 Jahre, Konditorin; lebt in Draguignan. Kam mit vier Jahren nach Dieulefit; verheiratet mit Maurice/Garcia.
– Maurice/Garcia: 93 Jahre, aus Guernica, im Rollstuhl, Mitglied einer Menschenrechtsorganisation.
– Edwige: aus Kaliningrad, jüdisch, 76 Jahre, Wolfskind aus Ostpreußen; verwitwet, Bibliothekarin und Yogalehrerin. Kam mit ihrer Mutter auf der Flucht nach Le Vernet/Frankreich ins Lager, von dort nach Dieulefit; ihre Mutter wurde nach Auschwitz-Birkenau deportiert.
Szene:
Rosls Wohnung in Vence. Ein gemütliches Zimmer, der Tisch ist gedeckt. Die drei Frauen treffen sich seit Jahren zum Jour fixe. Musik: „Non, je ne regrette rien“ läuft. Rosl deckt den Tisch für drei Personen. Das Telefon läutet.
ROSL:
Hallo, Hallo Max mein großer Bub, wie geht es dir, wie war dein Match gestern … Bravo, Gratuliere …Was … Was sagst du … Hallo … Ah ja, jetzt höre ich dich besser. Ja klar kenne ich Edwige Detrout, sie ist eine meiner ältesten Freundinnen hier, seit … Na ja … du weißt … ja … seit damals … was ja … Aus der Volksschule in Dieu … ja, sie kommt aus Ostpreußen. … klar kann ich Königsberger Klopse kochen … war die Lieblingsspeise meines Vaters. Nein, nicht deines Großvaters … deines Urgroßvaters aus Berlin … Ach so, wirklich? Interessant … eine Klassenkollegin von dir … Nadine … Sie erzählte von ihrer Großmutter, was, ja? … und die war ein Wolfskind und behauptete Edwige zu kennen … ja … Hör zu, ich bekomme gleich Besuch, ihr kommt ja nächsten Sonntag wie gewohnt zum Family-Dinner und da koch ich für Euch … nein nicht Schnitzel … dreimal darfst du raten … Richtig Königsberger Klopse … einverstanden … du kannst Nadine gerne mitbringen … ach so … nein … Nicht so wie ich denke … Gut. Sag liebe Grüße.
(Es läutet) du mein Besuch, … Grüß alle zu Hause, vor allem auch den lieben Bobo … bin stolz auf sein gehaltenes Referat über die Verschmutzung der Meere … also bis bald mein Großer … Salut, mon cher, à la prochaine.
ROSL:
Herzlich willkommen und hereinspaziert, toll dass wir an unserem Jour fixe noch immer festhalten nach so vielen Jahren.
THEODORA:
Unser wöchentliches Treffen ist mir so wichtig dafür werde ich immer Zeit haben, hör mal Maurice/Garcia möchte diesmal auch vorbei schauen, er fühlt sich wieder besser
ROSL:
Ja, super, hoffentlich bleibt ihr unserem Jour aber auch treu wenn ihr ins betreute Wohnen übersiedelt, sind ja dann doch einige Kilometer mehr, um zu mir nach Vence zu kommen
THEODORA:
Ja, aber nur eine gute halbe Stunde länger mit dem Bus, ma petite cocotte
ROSL:
Ma petite cocotte, du wirst wohl nie aufhören mich so zu nennen, trotzdem ich gerade meinen 85. Geburtstag feierte
THEODORA:
85, wenn ich mich recht erinnere
ROSL:
Ja, ja und immer noch stolze 164 cm an Höhe habe. Von wegen im Alter schrumpft dein kleines Hühnchen; ich nicht, weder geistig noch körperlich, hörst du!
THEODORA:
Dass du immer das letzte Wort haben musst!
ROSL:
Überlebenstaktik, …
(Lachen) … Wie schön du heute wieder bist!
THEODORA:
Nur für dich ma chère, ich weiß doch was dir gefällt …
(lachen, franz. Umarmung dreimal) hier mein Mitbringsel
ROSL:
Dank dir Liebes!
(zieht jetzt Mantel aus) Wow, schick, Neu.
THEODORA:
Mais non, second hand! Wo denkst du hin, bei meiner kleinen Pension!
ROSL:
(Telefon) … ja hallo Maximilian … bitte …, hab ich dir doch gesagt Max, Nadine kann gerne mitkommen, … ja … gerne Bye-bye …
(Freundin) haha … sie möchte mehr über die Ostpreußischen Wolfskinder erfahren … ob ich ein Treffen mit Edwige vielleicht arrangieren könnte … schwierig, on verra … so jetzt schalte ich diesen Quälgeist auf stumm
THEODORA:
Wolfskinder Auch so ein Kapitel unserer Geschichte, gehört längst ans Tageslicht. Das meinte ich vorhin mit unserem Jour fixe, wir können uns über so viel austauschen, was uns die Politiker
ROSL:
auch unsere Lehrer
THEODORA:
vorenthalten haben, um auch auf die Generationen nach uns aufklärend einzuwirken. Ahhh … angenehm warm ist es bei dir …
ROSL:
ja das muss sein, seit Tagen dieser eiskalte Wind, heute Nacht war ja ein richtiger Orkan von den Bergen herunter, weißt du, gerade wir Alten müssen mutig sein und reden, wir haben ja nichts zu verlieren …
THEODORA:
wie recht du hast, kennst du den Roman „Die Zeit der Mutigen“
(Wind geheul Ton). ah im Moment ist der Mistral wieder besonders erbarmungslos mit uns! Hat den Ö Literaturpreis bekommen … (
ROSL:
Ha?) … der Roman
ROSL:
achso, ja … als mich nachts das Sturmgeheul nicht schlafen lies, bin ich auf die Terrasse und sah wie all die Himmelssterne zitterten, sowie auch die zarten kleinen pieds de lavande und die aufspringenden Mandelknospen ums Überleben kämpften …
THEODORA:
Aus dir spricht immer noch die gute alte Maîtresse Marguerite aus unserem Kloster Beauvallon! Madame liebte solche poetischen Umschreibungen bei uns Kindern …
ROSL:
ach Marguerite und Catharin, unsere lieben Toten, was für Vorbilder damals für uns Kinder, sie waren es die aus uns selbstbewusste denkende Menschen gemacht haben
THEODORA:
für uns Waisenkinder, mit Verantwortung und Liebe für die Gemeinschaft da zu sein, erstens alles erst mal zu hinterfragen …
ROSL:
stimmt, zweitens vor allem nicht gleich alles aus dem Radio oder den Zeitungen blind zu akzeptieren und
THEODORA:
drittens würde sie heute sagen
ROSL:
Infos auf diversen Chat GPT nicht als bare Münze zu nehmen
THEODORA:
wie recht du damit hast aber vergiss nicht, nicht nur Mami, sondern auch all die anderen im Dorf haben dazu beigetragen … Sag, findest du nicht auch, dass es für die Jahreszeit, besonders kalt ist und noch immer kein Regen. Die Zisternen werden wieder nicht gefüllt sein, so wie im letzten Jahr
ROSL:
Macron wird das Füllen der Privatpools halt wieder verbieten müssen, bei uns im Süden
THEODORA:
Diese Hausbesitzer werden wieder fluchen! jeder zweite glaubt einen Pool haben zu müssen
ROSL:
Meinst du, dass das mit der Klimaverschiebung zu tun hat, von der jetzt so viel gesprochen wird, ich weiß nicht was ich davon halten soll …
THEODORA:
…schau es hat immer Wetterkapriolen gegeben, aber was die letzten Jahre passierte …,
ROSL:
Mon Dieu, dass ist Raubbau an der Natur, v
THEODORA:
von uns Menschen gemacht. Aber kein Mensch will die Verantwortung dafür übernehmen, und etwas tun oder gar auf etwas verzichten, Der Club of Rome hat schon 1977 darüber geschrieben.
ROSL:
und dann gibt es diese Politiker, nur um wieder gewählt zu werden, die alles in Abrede stellen
THEODORA:
klar, weil sie auf ihre Pfründe nicht verzichten wollen, deshalb belügen sie uns Wähler mit Erkenntnissen von diversen Sonderausschüssen, egal was sie kosten, nur bitte nicht hinterfragen, denn es soll alles wieder so werden wie früher …
ROSL:
„Die gute alte Zeit“ Gott bewahre, wer will das schon so wie früher, vernünftiger soll es werden. ich für meinen Teil werde mit zunehmenden Alter ungeduldiger mit diesen Lügen und hohlen Versprechungen der Mächtigen und anfälliger auf diese Kälte, nicht nur klimatisch
THEODORA:
sprich doch nicht jedes Mal dein Alter an, wenn ich komme. Das nervt! Mit deinen 85 bist du doch nicht alt! Schau mich an, ich fühle mich nicht alt!
ROSL:
ha ha … dir fehlen auch noch einige Jahre um dich mit mir messen zu können!
THEODORA:
die paar Jahre! du musst sie ignorieren, dagegen ankämpfen.
ROSL:
du hast leicht reden, warte nur, du spürst jedes weitere Jahr am Buckel., ganz bald kommt auch für dich die Zeit, auch du wirst lernen müssen das Alter anzunehmen, meine Liebe! Aber sag mir lieber wie geht es deinem Alten
THEODORA:
Ach was soll ich dir sagen er ist mit seinen 93 trotz der vielen Gebrechen, immer noch der Kämpfer wie eh und je, geistig gestärkt durch seine alten Freunde aus der Résistance, die sich wöchentlich im Colombe d’Or treffen
ROSL:
wow im colombe, ich bewundere ihn, was er durchgemacht hat und immer noch aktiv in der …
THEODORA:
Resistance, ja, dann Lager, Flucht, nochmal KZ, wieder Untergrund, Behinderung durch das brutale Vorgehen im Pariser Vélodrome 43 und und und
ROSL:
und seine unbeugsamen Courage, das ist Schicksal, und immer gut drauf, aber sag jetzt, habt ihr nochmals nachgedacht wegen dem betreuten Wohnen, wollt ihr das wirklich durchziehen?
THEODORA:
ja sicher, es kommt für alles seine Zeit! sagt Maurice. Er ist die treibende Kraft, mir das Leben vereinfachen, die Pflege erleichtern, kein Haus, kein Garten, keine Treppen mehr usw. Sein Credo „das Schicksal akzeptierten“, weist du er hat mir seinerzeit so viel Liebe, Halt, Mut und Hoffnung für ein neues Leben gegeben, nach all den Jahren der Verfolgung durch die Nazis, dann die Russen, und die Franzosen im Lager von Isière, nur dank ihm war es mir möglich eine Familie zu gründen, unseren Sohn zu bekommen. Emanzipiert ist für ihn selbstverständlich, ein harter Knochen im Nehmen, ich bewundere meinen Hero, weißt du er ist seit …
ROSL:
46 Jahre seid ihr jetzt zusammen
THEODORA:
stimmt und das schöne ist, der Gesprächsstoff ist uns noch nie ausgegangen!
ROSL:
mir gegenüber hat er einmal gesagt, erst das Leben unter gleichgesinnten in der Resistance und jetzt im Club der Alten, hat er seine innere Ruhe und Ausgeglichenheit gefunden, um seinen ehemaligen Peinigern verzeihen zu können.
THEODORA:
Er behauptet ja dank seinem Jour fixe hat er Stärke und Halt gefunden, damit er auch noch im Alter gegen Missstände auf die Barrikaden steigen kann, als Zeitzeuge in div Schulen und Bildungseinrichtungen aufzutreten, bei politischen Veranstaltungen Referate gegen das Vergessen, gegen das Verdrehen und Ignorieren von Wahrheiten über Täter und Opfer zu halten, er verfasst Pamphlete gegen die Lügen der herrschenden Klasse in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, aber das Wichtigste ist ihm die Aufklärung vor allem der Jugend …
ROSL:
Ich bewundere Euch, speziell seinen Willen, sein Engagement, diesen Einsatz jungen Menschen ein historisches Bewusstsein zu vermitteln und dann deine Fürsorge ihm Probleme aus den Weg zu räumen, ihm in seiner Behinderung beizustehen. Das ist Liebe. Diese Erfahrung fehlt mir als alleinerziehende Mutter einer Tochter.Tu est vraiment extraordinaire. Akzeptiere dein Schicksal, und
THEODORA:
und Lebe dein Leben, du hast nur eines, das ist seine Überzeugung
ROSL:
großartig wie du das sagst, meines ist, Hände und Füße zittern, mein Kopf wackelt, mein Gedanken verlieren sich oft
THEODORA:
Polyneuropathie
ROSL:
ah, meine Mähne wird immer dünner, aber ich mache trotzdem jeden Tag meine Yogaübungen und die fünf Tibeter eine halbe Stunde, immer, ich besuche Kunstausstellungen, Vorträge, Konzerte! Ach … Dora, Dora erinnerst du dich an unser erstes Aznavour Konzert in Paris 62, La Boheme … On etais jeune on ete fou
(Singt)
THEODORA:
… Klar, daran erinnere ich mich noch sehr gut, er war ja dann prompt für Monate dein Schwarm … unerreichbar, für jedes junge Mä …
ROSL:
Ohja, ach, ich war ja so verliebt, aber na ja … beinah hätte etwas daraus werden können … beinahe …, ich denke eben immer positiv, zumindest platonisch war es ja eine wie sag ichs
THEODORA:
ok, nur nichts verklären, aber lassen wir die Vergangenheit ruhen, süß siehst du wieder aus, trés schick …
ROSL:
komm setz dich, … du ich hab deinen Lieblingstee besorgt …
T … Orange Blossom, danke
ROSL:
Oh Gott, shit, nein …sorry … Golden Jasmin
THEODORA:
… auch gut … von wegen positiv denken … du weißt was heute für ein Tag ist,
ROSL:
nein, wieso
THEODORA:
Was … na hör mal, Galette des Rois!
ROSL:
nein, wirklich,
THEODORA:
jetzt lebst du schon so lange in der Grand Nation und erinnerst dich nicht! du hast es vergessen! Na bitte, von wegen Alter … da hast du den Beweis! …
ROSL:
… Grrrrrrrrrrr Gar nichts hab ich vergessen, nur nicht daran gedacht habe ich!
THEODORA:
Komm, alles nur Spaß
ROSL:
ja ich kenne deine direkte Art! Pha, weißt du das erste Mal das ich in der Galette die Bohne fand war damals 19 … in unserer Schule anlässlich der 3 König’s Feier, seitdem nie mehr.
THEODORA:
1944, hab ich mir gemerkt. du warst wie gelähmt vor Glück. Komm ma cocotte, er soll uns schmecken.
ROSL:
Nein lass uns doch auf Edwige und deinen Mann warten, sie müssen doch jeden Moment hier sein.
THEODORA:
wer weiß wann mein Alter es schafft, … aber ok bis Edwige da ist!
ROSL:
hast du selbst gebacken? du übertriffst dich jedesmal mit deinen Backkünsten, kein Wunder, dass dein Maurice nicht abnimmt im hohen
THEODORA:
… Alter, ha … sprich es ruhig aus!!
(Es läutet Sprechanlage)
R das muss Edwige sein … Hallo
EDWIGE:
Hallo, ich bin es,
ROSL:
Edwige, schön das du da bist Liebes!
EDWIGE:
(Tonband) du Rosl hier steht ein Koffer mitten im Eingang, bin beinahe darüber gestolpert, so ein alter Pappkoffer, ähnlich wie die von früher
ROSL:
Mon Dieu, jetzt habe ich doch total vergessen, wart ich komm raus
THEODORA:
… Was ist? …
ROSL:
… kannst du mir bitte helfen, der Taxichauffeur hat den von mir mitgebrachten Koffer nur unten in den Flur gestellt! Da heißt es immer die Franzosen sind so hilfsbereit und charmant gegenüber uns Frauen … …
THEODORA:
Kommt ganz auf das Alter an! Aber sag, was denn für ein Koffer?
ROSL:
Für Dich nur für Dich!
THEODORA:
Einen Koffer?
ROSL:
Ja einen Koffer voll mit,. … also …
(ab) komm schon hilf mir bitte!
THEODORA:
… Rosl, Rosl was hat das wieder zu bedeuten …
(T folgt ihr)
Beide kommen mit Koffer wieder/ Alter Pappkoffer/ Edwige voran mit kleinen Blumenstrauß
THEODORA:
Mon Dieu ist der schwer,
EDWIGE:
was ist denn da drinnen
ROSL:
… Gold … viel Gold …
THEODORA:
… Ha ha, und was willst du damit,
ROSL:
sagte ich das nicht schon, das ist alles für dich
THEODORA:
Nein, bitte nicht, ich hab sowieso keinen Platz zu Hause, noch dazu jetzt vor der Übersiedlung!
ROSL:
Doch doch, weil ich ihn dir schenke!
(öffnen)
EDWIGE:
Wird es jetzt ernst mit der Übersiedlung …
THEODORA:
Hilfe, Ich will dieses ganzen Plunder nicht!
ROSL:
Was heißt denn hier Plunder, das sind alles Schätze die ich aufgehoben habe, vom ersten Tag an, als ich im Internat ankam, dass ist unsere gemeinsame Geschichte, pass auf …
THEODORA:
nein wirklich, bitte, lass es gut sein … kommt, Edwige, Rosl bitte, essen wir erst mal ein Stück Kuchen
EDWIGE:
Galette des Rois
THEODORA:
und dann erzählst du uns der Reihe nach …
E essen) Hmmmm, ist der gut, so flaumig, hmmmm. dir gebührt unbedingt ein Michelin Stern
ROSL:
nein gleich zwei …
ROSL + THEODORA:
danke für die Blumen …
EDWIGE:
gerne mein Engel …
THEODORA + ROSL:
mein Engel,
ROSL:
wer jetzt,
THEODORA:
komm nimm noch …
ROSL:
…
(schmunzelt) du bist unser Engel, auch heute noch, … du warst es schon immer, … schon als süßes Mädel, du hast mit uns immer alles geteilt, geholfen und
EDWIGE:
ich wünschte mir immer eine Schwester, du warst mein Vorbild, was hab ich dich adoriert, du warst so fürsorglich zu mir, Mami hatte ja kaum Zeit für mich, ich war so glücklich bei Euch in der Klasse
EDWIGE:
… Hmmmmm, aber weißt du, die gute Mami Jeanne
THEODORA:
hatte ja so viel zu tun in der Kanzlei, all die Jahre während des Krieges
EDWIGE:
: Als ich 42 von ihr aufgenommen wurde, war ich oft stundenlang alleine in dem großen Haus. Himmel hab ich mich gefürchtet, vor allem wenn sie bis spät nachts im Rathaus arbeitete, dann hat sie mich immer im Keller versteckt, hinter dem blinden Kasten, bis sie kam, als Vorsichtsmaßnahme!
ROSL:
Ahhhhhhhhh,
(R findet die Bohne in der Galette)oh Gott, hoffentlich keine Plombe! Nein, die Bohne, ich hab die Bohne! Dora, Edwige ich habe die Bohne!!
THEODORA:
Zeig, oh ja, gratuliere
ROSL:
ich hab die Bohne zum zweiten Mal in meinem Leben, 80 musste ich werden …
(Springt auf und tanzt herum, T nimmt die Krone aus dem Koffer)
THEODORA:
85
ROSL:
egal 85 Jahre jung musste ich werden um endlich wieder für einen Tag in meinem Leben la reine
THEODORA:
die Königin zu sein, meine Königin
(Knicks …sie tanzen Walzer, alle drei, setzen sich, ganz außer Atem, weinen vor Glück)
ROSL:
Jetzt hab ich einen Wunsch frei!
THEODORA:
Ja, wünsche dir was, das geht in Erfüllung!
ROSL:
Der Koffer bleibt bei dir!
THEODORA:
… o hhh, nein, aber, nein, warum denn, ich hab keinen Platz,
R …: wieso, unterm Bett ist Platz genug, auch in der neuen Wohnung, oder schläft ihr am Fußboden
THEODORA:
nein, in Hängematten, wenn du es genau wissen wi … l
EDWIGE:
was ist denn das? Oh Nein! … schau …
(findet Puppe)
THEODORA:
oh, die Lieselotte
ROSL:
Lieselotte die hat mir Madame Catherine in der Schule zum 12 Geburtstag gebastelt
THEODORA:
die gibt es immer noch …
(Spielt mit Lieselotte und hoher Stimme)
Lieselotte … war … ne flotte … so bildhübsch … wie ein super „Star“
Doch jetzt …zeichnen sie die Jahr … und heut … heißt es eben …war!
ROSL:
… he, du Dichterlein! zum Glück heiße ich Rosa und nicht Lieselotte! Zeichnen mich die Jahr, es heißt dann war!
(herumalbern mit Puppe, lachen)
THEODORA:
mit ihr haben wir immer Vater, Mutter, Kind gespielt, erinnerst du dich
ROSL:
… ja klar ich bin doch nicht verkal …,
THEODORA:
… und hier schau, diese Blumenkrone hast du gebastelt,
ROSL:
… ja, eine für dich und eine für Trudchen aus Köln, weißt du noch …
EDWIGE:
Trudchen aus Köln, ja klar, eine entfernte Verwandte von ihr hat sie 47 in Dieu abgeholt und mit nach Israel genommen,
ROSL:
ihre Eltern wurden, so weit ich mich erinnere in Auschwitz Birkenau …
THEODORA:
sie wollte die Blumenkrone gar nicht mehr hergeben und hat sie zum Abschied, als sie wegfuhr getragen, damals war sie die Älteste von uns, ob sie noch lebt?
ROSL:
Trudchen wusste zu allem ein Gedicht, dadurch war sie besonders beliebt bei Marguerite …
EDWIGE:
… njein, eigentlich war sie der große Liebling der Klasse …,
ROSL:
… stimmt auch, Marguerite mochte alle Kinder in der Schule, Buben genauso wie Mädels, wir waren alle ihre Kinder.
THEODORA:
Sie und Madame Catherine waren die Seele der Schule, sie waren wie Papa und Mama für uns Kinder
EDWIGE:
Mama und Mama
THEODORA:
und später kam Mademoiselle Simone dazu, in welchem Jahr war das eigentlich?
ROSL:
wenn ich mich recht erinnere, 1943
THEODORA:
… Nein 42. Anfangs dachte ich immer sie ist die Tochter von Marguerite …
ROSL:
Hör zu, dass hat mir Trudchen in‘s Stammbuch geschrieben … „Hass als minus und vergebens, wird vom Leben abgeschrieben!
Positiv im Buch des Leben’s, steht verzeichnet nur das Lieben
Ob uns ein Minus oder Plus verblieben, zeigt der Schluss! “
THEODORA:
schön typisch für Trudchen!, sie war eigentlich sehr frühreif für ihre 14
EDWIGE:
für damals ja, mon Dieu ihr Lieblingsgedicht war „Die Neujahrsgeschenke der Waisenkinder“ von Rimbaud erinnert ihr euch.?
ROSL:
…Klar, wisst ihr noch wie begeistert Marguerite von Trudchens Lyrikvorlieben war!
EDWIGE:
und von uns verlangte sie, dass wir es mit verteilten Rollen aufsagen müssen … wir kamen damals überhaupt nicht weiter vor lauter heulen! … Könnt ihr es noch?
ROSL:
ja, fang du an …
(beide versuchen sich zu erinnern Zeile für Zeile)
EDWIGE:
… Das Zimmer ist voll Schatten, man vernimmt, wie sacht und kummervoll zwei Kinder flüstern in der Nacht,
ROSL:
… sie haben flüsternd, von der dunkelheit beklommen, etwas wie ein entferntes Murmeln wahrgenommen …
THEODORA:
… Eiskalt ist ihre Kammer, ist den die Mutter dieser Kleinen nicht im Haus, hat sie vergessen letzte Nacht, die Flamme an der Glut noch richtig anzufachen …
ROSL:
…die Tür ist nicht fest verschlossen vor des Sturmes brausen …
EDWIGE:
… nein, im Haus ist keine Mutter! Und der Vater weit! Oh wie traurig wird für sie der Neujahrsmorgen …
ROSL:
…Doch der Wiegeengel stillt der Tränen Pein, und bringt in ihrem schweren Schlaf ein Traumbild ein … Ah!, welch ein Morgen der mit den Neujahrsgeschenken!
THEODORA:
… ein Bild so frohgemut, dass lächelnd beide Kleinen
ROSL:
… halb ihre Lippen öffnen und zu murmeln scheinen! Für unsere Mu …
EDWIGE:
… Nein bitte hören wir auf! Sonst fang ich gleich wieder zu heulen an!
ROSL:
Marguerite, hat immer versucht, uns an Hand von Literaturbeispielen die Katastrophen und das damit verbundene Elend für uns Kinder in den Kriegswirren, mit so viel Feingefühl verständlich zu machen.
THEODORA:
um uns ein wenig die Angst zu nehme, uns nicht total zu verschrecken und zu verunsichern nachdem wir so viel Böses erlebt haben. Es war für sie sicher nicht leicht unsere kleine depressive und verschreckte Horde zu vernünftigen sozialen Wesen zu erziehen.
EDWIGE:
die Sprachprobleme untereinander, so ganz allein im Nirgendwo, die Eltern verloren, nur fremde Menschen um uns, die uns zwar liebenswert aufgenommen haben, aber ständig die Angst vor Morgen
(unbemerkter Auftritt von Marcel im Rollstuhl)
ROSL:
Das ganze Dorf half ja mit und hielt zusammen,! Stellt Euch vor heute höre ich in den Nachrichten, wie die Revolutionsgarden im Iran 6/7jährige Straßenkinder aufgreifen
THEODORA:
um sie unter Drohungen und Versprechungen mitzunehmen, damit sie ihre Nachbarn, Lehrer und sogar die eigenen Eltern denunzieren …
EDWIGE:
um sie dann standrechtlich erschießen zu können,
MAURICE/GARCIA:
oder wie dieser russische Despot ukrainische Kinder entführt zwecks Umerziehung
ROSL:
EDWIGE:
THEODORA:
durcheinander Freude begrüßen küssen etc. bist du schon lange da? wir haben dich gar nicht kommen gehört,
ROSL:
wie bist du denn rein gekommen
MAURICE/GARCIA:
die Tür war offen
ROSL:
oh Gott hab ich, wieder vergessen sie abzusperren,
EDWIGE:
sag, wie geht es dir, schön dich wiederzusehen,
ROSL:
fein das du da bist … komm setz dich zu uns und nimm dir ein Stück Kuchen
(R holt Tasse)
THEODORA:
schau was Rosl mitgebracht hat, Erinnerungen aus Beauvallon
(R nimmt Hut u. Mantel aus Koffer und spielt Md. Marguerite
THEODORA:
Woher hast du denn den Hut von Marguerite, ich erinnere mich noch gut an ihren Borsalino …
ROSL:
Den trug sie als sie unsere drei Mitschüler aus den Klauen der SS in Vénissieux rettete. Sie richtete sich ja immer schon sehr männlich her und hatte ein sehr martialisches, despotisches Auftreten, aber es hat gewirkt. Und als sie mit den Buben zurückkam hat sie aus Ekel über das gerade erlebte, alles weggeschmissen, ich hab es mir dann heimlich aus dem Poubelle wieder rausgeholt
THEODORA:
Oh ja, Mami Jeanne hat es mir Jahre später erzählt. Die SS kam einmal unangemeldet nach Dieulefit. Mami war gerade dabei die Identitätskarten für die drei Buben zu fälschen, die im Vorraum
darauf warteten. Da aber keine Ausweise vorhanden waren, haben diese Verbrecher die Buben gleich vom Gemeindeamt aus mitgenommen, um sie über Vérnissieux nach Auschwitz abzuschieben.
MAURICE/GARCIA:
Die gute Mami Jeanne hat für hunderte Menschen falsche Papiere ausgestellt in ihrer Funktion als Gemeindesekretärin!
EDWIGE:
schaut, diese Formulare hat sie mir später einmal zum spielen geschenkt, Stempel, Feder und den Rest der Carte d’identité, als sie sie nach 45 nicht mehr brauchte. Das glaubt ja heute kaum jemand, wie ein ganzes Dorf, so viele Verfolgte verstecken und verpflegen konnte, ohne dass es dieser Klaus Barbie,
MAURICE/GARCIA:
der Schlächter von Lyon
EDWIGE:
bemerkt hätte!
THEODORA:
Es war das Wunder von Dieulefit, alle, der Polizeidiener, der Pastor, seine Frau, die Dorfbewohner, alle haben mitgeholfen! Und unser damaliger Bürgermeister, ein Vichy-Anhänger und Nazi-Verehrer, hat bewusst weggeschaut, dass muss man sich erst mal vorstellen
ROSL:
Er hat Mami Jeanne immer unterstützt und gedeckt! glaubst du, war er in sie verliebt? er war 58 und sie …
MAURICE/GARCIA:
… 38 … ein fesches junges Mädel, es war Krieg und da mussten wir halt unsere Ansprüche …
THEODORA:
ferme ta gueule, du alter Macho!
MAURICE/GARCIA:
lacht lange, reingefallen, immer noch nach so vielen Jahren, was seid ihr nur für mistrauische Emanzen
ROSL:
…, nicht streiten hört auf, … jedenfalls dank seinen Beziehungen nach Lyon, vor allem zu Marschall Pétain und dank seiner Parteizugehörigkeit zu den Nazis war das möglich, so gab es nie mehr unangemeldete Kontrollen, und wenn diese Henkershelfer kamen, wurden wir rechtzeitig von einem Verwandten des Polizisten aus dem Nachbarort gewarnt, um in den Höhlen zu verschwinden, heute unvorstellbar.
THEODORA:
ID Karten, Lebensmittelkarten, Kleidermarken, Arztbescheinigungen, Zeugnisse, Visa für die Ausreise und was weiß ich noch alles, für so viele Menschen, alles zu fälschen, das ist Zivilcourage
EDWIGE:
eigentlich gehört Mami ein Platz zumindest im Himmel, wenn nicht im Yad Vashem
ROSL:
… und die Krone
(setzt der Teekanne die Krone auf und stellt ein Foto von Jeanne davor (E, spielt jetzt Jeanne und R mit Mantel und Hut Md. Marguerite. (Folgender Dialog)
ROSL:
… Salut, meine verehrte Mlle Jeanne, oh mon dieu! wie geht es denn ihrem Bauch, Liebes! wir alle bewundern sie sosehr, wann ist es denn soweit?
EDWIGE:
Es sollte schon das sein!
ROSL:
… Wirklich Oh, ja haben sie schon über einen Namen nachgedacht?
EDWIGE:
… Mais oui! so, wie sein Vater!
ROSL:
… Aha, und wie heißt der Vater?
THEODORA:
Rosa bitte …wir wussten doch alle von dem Geheimnis,.
ROSL:
und wenn es ein Mädchen wird?
EDWIGE:
… es wird ein Bub, das spür ich! Weil, Buben lassen sich immer Zeit, um rauszukommen!
ROSL:
…Und der Papa, wo ist er …
THEODORA:
…
(flüstern) ist bei der Resistance unter André Malraux, er
(war nur kurz auf Heimaturlaub hier und ist gleich wieder los
MAURICE/GARCIA:
er war bei der Resistance Ceux (ssöö) de la Liberation, ein toller Bursch, die Nazis haben ihn in einen Hinterhalt gelockt …
ROSL:
… Mme Catherine und ich fragen uns immer, wie sie das bloß alles schaffen, diese ganze Schreib und Kopierarbeit für die Vielzahl unserer Kinder, für die spanischen Widerstandskämpfer, die Leute der Resistance, die Kommunisten und verfolgten Künstler?. Meine liebe Jeanne sie sind wahrlich eine Heilige und für unsere Sache nicht wegzudenken. Wirklich eine sehr große Hilfe, Catherine sagt immer zu mir, wir wären ohne sie, ohne ihre Hilfe, auch mit all den anderen Helferinnen und Helfern aus unserem Dorf schon längst deportiert worden. Und jetzt komm ich und dränge sie auch noch mir die Ausweise für die 3 Buben sofort auszustellen!
EDWIGE:
… ist doch selbstverständlich, ich hatte ja bereits damit begonnen, als plötzlich diese widerlichen Typen in der Tür standen … hab vergessen sie abzusperren
THEODORA:
immer absperren, auch heutzutage
ROSL:
… Jeanne bitte machen sie aus Isaak einen François, aus Pjotr einen Pierre und Uri-Daniel heißt ab jetzt bitte Hans Dieter, ich darf, nein ich muss darauf warten, ich nehme nämlich noch heute den 12 Uhr Zug nach Vénissieux. Die drei Buben hol ich mir zurück, das wäre ja noch schöner! Wir hier, in Dieulefit, mit einem getreuen Pétain-Verehrer und Nazi-Freund als Bürgermeister, sollen jüdische Kinder verstecken, ja was glaubt denn dieser Schlächter in Lyon eigentlich von uns! Marguerite Soubeyran lässt sich doch …
EDWIGE:
Wann hat das endlich ein Ende mit diesen Nazis, die armen Verfolgten wo immer, aber ich soll mich nicht aufregen, mein armer kleiner Arthur!
ROSL:
ah er wird Arthur heißen wie sein Vater. Mme
(E als jeanne, stumm pst nein)
ROSL:
Marguerite Soubeyran lässt sich nicht von diesem Barbie-Baby einschüchtern! Jetzt erst recht nicht, der soll mich kennenlernen! auf in den Kampf Torreros …
(zitat aus Carmen beide singen Auf in den Kampfe) Taratata taratata Avec la garde montante, nous arrrivons, nous voila, sonne trompette éclatante! Taratata taratata!
(eventuell zweite Strophe) Nous marchons la tête haute, comme de petits soldats, marquant sans faire de faute, une deux marquant le pas. Taratata taratata …
ROSL:
Hoffentlich haben sie die Buben keiner Leibesvisitation unterzogen, sonst kommen wir alle vier nicht mehr nach Hause zurück …
EDWIGE:
… mon Dieu, Madame quelle catastrophe … machen sie bloß keine Witze …
ROSL:
… ja ja, bevor ich es vergesse ma chére, ich brauche ein Versteck, nur für ein paar Tage, für ein D oder Schweitzer Ehepaar aus Paris samt ihrer älteren Haushälterin,
EDWIGE:
wie heißen sie …
ROSL:
so ähnlich wie Mann, es war so eine schlechte Verbindung, unser Pastor glaubt Juden aus Wien oder München, weiß nicht, ohne Papiere, die sich ins Kloster Labarde durchschlagen sollen, um aufs Schiff zu gelangen. Mon Dieu, haben sie den Buben hoffentlich eingeschärft nur zu weinen, auf keinen Fall reden und wenn, dann soll nur unser kleiner Franzos Isaak …
EDWIGE:
… François sprechen, ja natürlich habe ich sie daran erinnert, klar doch! Ich sage ihnen Marguerite, die Blicke von den Buben als sie abgeführt wurden, das hat mir schier das Herz zerrissen, …
(weint) ich soll mich nicht aufregen,
(Bauc h) die Waschküche hinter dem Kohlenkeller ist wieder frei, die 6 Künstler wollten es letzte Nacht bis nach Marseille auf einen der letzten Dampfer schaffen, ich richte die Kammer für die Leute gleich her
ROSL:
… gut, ich bringe die Buben zurück und sobald wir hier sind …
(Ausweise) Danke, sagen sie mir nur bitte noch das Eine liebe Jeanne, wieso entschieden sie sich eigentlich zu dieser so selbstlosen, aufopfernden und auch sehr gefährlichen Hilfsbereitschaft …
EDWIGE:
… ich war mir unschlüssig wie ich mich verhalten sollte, als sie mich damals um die erste Fälschung baten, die sie für Mme Hélène Malraux brauchten erinnern sie sich? Da besprach ich mich mit unserem Pastor, nein eigentlich war es Sylvie seiner Frau und sie riet mir: „Folge deinem Gewissen, geh nach Hause Jeanne und schlag einfach blind die Bibel auf, und befolge das, was dort steht! “ …
ROSL:
… und
EDWIGE:
… es war die Stelle wo der Prophet Ezechiel über die Unterdrückten, Fremden und Elenden schreibt, und zu uns sagt: „Das der Gerechte mit dem Hungrigen sein Brot teilen soll! “ und dann hat mir unser Ortspolizist noch beigebracht wie man besser lügt bei Vorgesetzten und bei Dienststellen, da ich ja, so wie auch er, es richtig finde diese grauenvollen Rassengesetze von Marschall Pétain, die er für tausende Juden bei uns erließ, zu unterwandern! (3 ID übergeben) Courage Mme Marguerite
MAURICE/GARCIA:
76000 Juden haben die Franzosen nach Deutschland deportiert, mehr als verlangt, dank der fleißigen französischen Polizei hieß es damals von Petain und die Negationisten waren sehr stolz, und Rommel überglücklich
(sie demaskieren sich wieder)
THEODORA:
Wer schlägt heute noch die Bibel auf. Ich weiß nicht wie es Euch geht, aber für mich sind diese Schilderungen immer noch kaum auszuhalten.
EDWIGE:
Ich erinnere mich wie ich als kleines Mädchen aus Königsberg als blinder Passagier am Dach eines Waggons liegend öfters über die Grenze nach Litauen fuhr, um dort Essen zu erbetteln. Die Russen gaben uns nichts, die Litauer halfen uns immer weil sie gegen die Russen waren. Wir Wolfskinder waren wie die Litauer sehr gefährdet. Die Russen stießen uns Kinder bei fahrendem Zug aus dem Waggon, schnitten uns einfach den Hals durch, vergewaltigten die Mädchen und warfen sie dann in die Memel.
ROSL:
du Liebes, eine Schulfreundin von Max möchte von dir mehr über die Wolfskinder erfahren, ihre verstorbene Großmutter hat ihr von dir erzählt, sie kannte Dich angeblich aus Königsberg …
EDWIGE:
Oh Gott, nein, das macht wieder alles in mir auf das Schrecklichste lebendig …
(Umarmung)
MAURICE/GARCIA:
Damals waren für die Russen in Ostpreußen unter anderem auch die deutschen Juden die überlebten die inneren Feinde und gehörten genauso vernichtet. Heute kriminalisieren Despoten egal wo, normale Bürger wie Journalisten, Künstler, Hausfrauen, NGOs, Wissenschaftler, Lehrer, Zigeuner Homosexuelle zu inneren Feinden, um den Terror gegen sie zu rechtfertigen
EDWIGE:. Die russischen Soldaten und Polizisten hassten damals jede deutsche Frau, beschrieb Ilya Ehrenburg die Situation, da sie in den Russen nur ein Gefühl der Abscheu hervorriefen, weil sie Mütter, Frauen, Schwestern, Huren von Henkern waren und ihre Kinder gehörten ebenso umgebracht. Eingemauert um zu verhungern. Meine arme Mutter wurde vor meinen Augen dreimal hintereinander brutal vergewaltigt, überall Blut, aber wir konnten entkommen.
ROSL:
Und jetzt behaupten die Russen, die Ukraine sei ein einziges deutsches Nazinest, dass sie bedroht
EDWIGE:
Erst hier bei Euch bin ich wieder Mensch geworden, nur die Vergangenheit holt mich immer wieder ein. Aber sie darf sich nicht wiederholen und das liegt an uns, denn sie würde alles auslöschen. Ich kann dir nicht genug danken für deinen Jour fix und die Geborgenheit durch deine lebenslange Freundschaft.
MAURICE/GARCIA:
: … Marguerite brachte die drei Buben tatsächlich noch mit dem Nachtzug zurück, ich erinnere mich wie aufgeregt wir alle in der Schule waren und im verdunkelten Klassenraum aufbleiben durften. Der Bürgermeister höchstpersönlich führte sie vom Bahnhof mit seinem Wagen heraus …,
THEODORA:
…wusstest du, dass er über 3 Ecken mit der energischen Marguerite verwandt war!
ROSL:
Auch er entkam ihr nicht, er kam zu jedem Schulfest,
THEODORA:
musste immer als Vorsitzender die Prüfungen abnehmen und beugte sich stets ihrer Autorität und Scharfsinn, es blieb ihm ja auch gar nichts anderes übrig; so war es auch für uns in der Schule, erinnert euch wie sie uns immer wieder einschärfte, dass die Übel der Menschheit nur durch Menschen ausgerottet werden können, und das darin unter anderem auch der Sinn des Lebens liegt.
MAURICE/GARCIA:
die psychologische Wirkung durch politische Legitimation töten zu dürfen, macht den Soldaten oder Polizisten zum Verbrecher, egal zu welcher Zeit in welchem Krieg, auf welchem Kontinent, heute gelangen immer mehr Diktatoren, Opportunisten, Faschisten an die Macht und spielen Krieg
und keiner von denen will sein Gesicht verlieren, also werden sie bis zum Allerletzten gehen. Sie manipulieren mittels diverser Plattformen bevorzugt junge Generationen und einfach Gebildete, die sie leichter vereinnahmen und manipulieren können, damit sie ihnen folgen.
ROSL:
Wie recht du hast
Maurice/Garcia … Ihr habt vorhin über mich gesprochen, ich möchte nur anfügen, erst als ich mich selbst erkannte, konnte ich mich beherrschen um etwas zu verbessern. Egal ob beim Zigarettenrauchen, Tortenessen, oder im Untergrund beim Kampf gegen die Faschi …
THEODORA:
Komm Liebling iss noch ein Stück Kuchen und nimm einen Schluck von meinem Lieblingstee,
MAURICE/GARCIA:
ah Orange Blossom
ROSL:
leider nein, ich hab mich vertan
MAURICE/GARCIA:
unwichtig, aber du hast vorhin gesagt ich bin zu dick für mein Alter. Stimmt, deshalb erkenne ich, dass ich nichts Süßes zwischendurch essen soll und beherrsche mich um abzunehmen, damit ich noch lange den reizenden jungen Damen … Au … hör auf Dora, lass mich doch ausreden … und jungen Herren, — also den jungen Menschen ihr Leben verbessere, indem ich sie über die Gefahren von Orientierungslosigkeit, aufkläre
EDWIGE:
und rechten Fake News
MAURICE/GARCIA:
mit denen wir heute ständig konfrontiert sind. Ich war in den 90 Jahren des vorigen Jahrhunderts in Chile, und auf dem Weg von Valparaiso in den Süden nach Punta Arenas übernachtete ich in einer Hazienda. Auf einer Werbetafel stand „Café und Linzertorte“
THEODORA:
auf Deutsch, ein Codewort Linz
MAURICE/GARCIA:
ja, die Herberge wurde von alten Nationalsozialisten geführt, die Frau des Hauses war aus Linz und lud mich ein, an den Schulungen bzw. Seminaren teilzunehmen, die dort abgehalten wurden … Es waren hauptsächlich jugendliche Burschen und Mädchen aus Deutschland und Österreich die dort indoktriniert/bzw mit faschistischem Gedankengut überzeugt wurden und nach 2 Jahren ging es zurück in die Heimat. Es gibt diesen Hort heute noch, schon in der 2 Generatio geführt, finanziert von ewig Gestrigen aus Mitteleuropa.
THEODORA:
er hat es der deutschen und österreichischen Botschaft gemeldet, keine Reaktion
ROSL:
Aufklären aufklären aufklären, Marguerite predigte es nicht nur, sie lebte es in ihrer Schule uns auch vor, darauf basierte ihre ganze Pädagogik. Mir kam immer wieder vor, als hörte sie den stummen Ruf in der Seele der Menschen die leiden, und ohne zu wissen wohin ihre Hilfe sie führt, ging sie ihren Weg, den nur ganz wenige gehen …
ROSL:
… ja, so war Marguerite, und ihre Freundin Catherine von der Académie d’École in Genève, wo sie sich kennenlernten, sie ging mit ihr und sie gründeten 1930 gemeinsam nach ihrer beiden Pläne die Schule, später kam noch Mlle Simone dazu. Die „drei Feen von Dieulefit“ gingen konsequent ihren Weg, als das Gute plötzlich nicht mehr gut war, und das Richtige nicht mehr richtig.
MAURICE/GARCIA:
sie lebten und handelten in ihrer Vorstellung von einer idealen Schule nach dem Motto „ in der Schule das Wort, im Leben die Tat“
ROSL:
…Die 3 Feen, die davon träumten Kinder glücklich und aus ihnen verantwortungsbewusste Menschen zu machen. Ja, und dieses Wort-Tat Prinzip haben wir alle verinnerlicht!
EDWIGE:
sie gründeten eine der ersten laizistischen Schulen in Frankreich, noch vor dem Gesetz von 1946 und dazu gemischt für Buben und Mädchen! Eine Reformschule für sozial benachteiligte Kinder, zur freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit, von der Vorschule bis zur mittleren Reife. Und das in der tiefsten Provinz!
ROSL:
in einem aufgelassenen Kloster
THEODORA:
Wahrscheinlich hat man sie deswegen gewähren lassen, weil man in Paris das Vorhaben für sehr kurzlebig hielt, und in den Kriegswirren darauf vergas.
ROSL:
Im Dorf aber waren sie die ehrwürdigen, vornehmen Damen, man konnte sich damals gar nichts anderes vorstellen, als die Gründerinnen eines über die Region hinaus bekannten Refugiums für schwierige, französische Kinder. Wann bist du eigentlich zu uns gekommen?
THEODORA:
… Theo.mein jüdischer Vater kam nicht wieder aus Spanien, und Marguerite nahm mich als 2 jährige in die Maternelle auf, da Mami ja den ganzen Tag in der Kanzlei zu arbeiten hatte …
MAURICE/GARCIA:
Hitler nannte das „Arbeit macht Frei“, was für ein Hohn und viele Europäer jubelten ihm zu.
ROSL:
und so wurde aus Theo eine Theodora, meine Dora! Gott bin ich froh, dass du kein Bub wurdest!
THEODORA:
…und die, die im Dorf etwas über die enge Freundschaft der drei Frauen ahnten, schwiegen darüber, denn keiner konnte sich das damals so richtig vorstellen,
ROSL:
… und wir Kinder haben nichts mitbekommen, es war uns auch egal … “Anders sein“ war bei uns in der Schule sowieso nie ein Thema, wir waren ja alle irgendwie anders.
THEODORA:
: … Da hast du recht, ich hab erst mit 3 Jahren mein erstes Kleidchen bekommen und einen süßen Bubi-Kopf. Mademoiselle Simone, die für uns Kleine zuständig war, hat es mir mit der Hand aus einem alten Vorhangstoff genäht.
EDWIGE:
Eigentlich war ja auch das ganzes Dorf Dieulefit anders als die umliegenden Dörfer, es war fast zur Gänze protestantisch, ähnlich wie bei uns in Ostpreußen in Masuren, kaum ein „Katholischer“ und die Menschen hier hatten auf Grund der jahrhundertelangen Verfolgungen und Unterdrückungen der Protestanten, als Außenseiter gelernt zu schweigen und zusammenzuhalten gegenüber der Obrigkeit. Sagen wir so: das historische Gedächtnis hat funktioniert, dadurch wurde dies alles möglich!
ROSL:
… Und so wurde aus der Klosterschule de Beauvallon ab 40/41 ein Haus für zeitweise bis zu 180 verfolgte Kinder die in einer Ausnahmesituation verpflegt, beherbergt, betreut, und vor allem unterrichtet werden mussten. Wer kann sich das heute noch vorstellen, dass so ein kleines Dorf, mit damals gerade mal mit 3000 Einwohnern, zusammensteht und insgesamt 1500 Kindern und Jugendlichen über Jahre hinweg hilft …
MAURICE/GARCIA:
um so ein Schulhaus oder Internat egal, zu bauen, also erstmals zu gründen braucht es einen klugen Plan und um es zu bauen viel Kraft, Willen und Anstrengung um es dann schlussendlich zu vollenden braucht es pädagogisch-philosophische und auch künstlerische Kenntnis. …
EDWIGE:
unserer drei Feen, da ist viel Wahres dran. Momentan erleben wir leider weltweit, wie es vor allem den Kindern in Krisengebieten und Flüchtlingslagern an den Kragen geht und nicht nur in den Entwicklungsländern auch bei uns in der EU, in unserem reichen Europa
MAURICE/GARCIA:
Wie viele Kindergenies wurden über all die Jahrhunderte hinweg bereits durch menschliches und politisches Versagen vernichtet?
EDWIGE:
Erinnere dich als wir seinerzeit einen Buben aus Algerien adoptieren wollten …
ROSL:
… oh ja
(lachen) da du das jetzt erwähnst, ich habe das total verdrängt, weil sie es mir als Schneiderin und freischaffende hier in Frankreich und dir als Yogalehrerin und Bibliothekarin trotz französischem Pass, bis Ende der 90 Jahre verwehrten
THEODORA:
und uns eidesstattlich eine Adoption untersagt haben. Wir waren eben durch unsere Erziehung in Beauvallon geprägt und wollten all das weitergeben was wir durch die drei Feen erfahren und mitbekommen haben.
THEODORA:
… Aber irgendwann wurde Euch klar, dass ihr die bürokratischen Grenzen nicht überwinden könnt und gabt den Wunsch auf. Die Politik war noch nicht reif dafür!
ROSL, EDWIGE UND THEODORA:
wir wollten Mütter sein und keine Großmütter!
(Lachen,
THEODORA:
hängt sich Decke aus Koffer um)
THEODORA UND ROSL
(gleichzeitig): … Jetzt aber hast du vom Alter angefangen!
(Lachen)
THEODORA:
… Weißt du Rosa, was mich die längste Zeit schon beschäftigt!
ROSL:
… Nein, aber du wirst es mir gleich sagen!
(Spiel mit Koffer …)
THEODORA:
… gönnen wir uns ein Stamperl von deinem selbstgemachten?
ROSL:
… Eierlikör! Was, das beschäftigt dich seit du hier bist? …
THEODORA:
… Aber nein,
EDWIGE:
Aber ja, heimliche Trinkerin?
ROSL:
… ist eine gute Idee! Ich habe schon befürchtet du bist trocken … …
THEODORA:
… Wo denkst du hin, möchtest du auch ein Stamperl Liebling? Und du?
MAURICE/GARCIA:
eins nur …Prost allseits!
THEODORA:
Passt auf, …, heuer jährt sich doch am 27, Jänner die Befreiung von Auschwitz. Was haltet ihr davon, wenn wir versuchen bei den zuständigen Behörden in Paris, einen jährlichen Gedenktag dafür zu beantragen …um dieses „Wieso war dies alles möglich“ nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, denn je mehr die Zeit vergeht wird sich niemand mehr daran erinnern wollen, sicher!
M/R … du spielst auf die ewige Karfreitag-Feiertagsdebatte der Katholischen an, da wurde ein Menschensohn umgebracht, in Auschwitz wie in den Gulags aller Länder waren und sind es hunderttausende Menschensöhne.
EDWIGE:
… Söhne und Töchter Political Correctness s’il te plaît …ha ha … Santé alle prosten …
THEODORA:
nein, nein ich möchte nur sagen, vielleicht kann man dadurch so etwas wie ein jährliches Erinnern provozieren, um bei der nächsten Generation ein historisches Bewusstsein zu entwickeln. Ich habe einfach die Befürchtung, dass unsere Nachkommen, sich bald nicht mehr die Mühe machen werden, auch nicht wollen über diese schreckliche Zeit bis 1945 nachzudenken und sich damit auseinanderzusetzen, vor allem wenn wir, die letzten Zeitzeugen nicht mehr sind und ein gezieltes Vergessen und Verdrängen provoziert wird …
MAURICE/GARCIA:
viele heutige Politiker, vor allem der Opposition behaupten ja, der vermehrte Zuspruch der Wähler passiert auf Grund ihrer großen Kompetenz dank ihres Fachwissen, wodurch für ihre Wähler alles besser werden wird, nur bislang mussten sie ihre Versprechen und Behauptungen nie unter Beweis stellen. Seriöse Politiker können und werden nur durch konkrete wahrheitsgemäße Beispiele und dementsprechendes Handeln das Vertrauen der Staatsbürger zurückerlangen. Das ist Kompetenz! Das ewige Provozieren und Verhetzen mit Unwahrheiten, Verleumdungen und Ausgrenzungen, auf niedrigster sprachlicher Ebene führt in den Untergang egal von welcher politischen Couleur. Die Geschichte und die Gegenwart machen uns das immer wieder vor.
ROSL:
… Ja, der Dämon des Bösen kann jederzeit wieder aufstehen, diese Ignoranz die das Furchtbare ermöglich existiert nach wie vor in unzähligen Menschen..
EDWIGE:
… ja, wer die Vergangenheit vergisst, ist verdammt sie zu wiederholen …
MAURICE/GARCIA:
Könnt ihr euch vorstellen, dass Juden die überlebten, um zu ihrem Recht zu kommen jetzt einfordern was ihnen einst gehörte, Ansprüche erheben auf alles, dessen sie brutal beraubt wurden in moralischer, materieller, geistiger Beziehung. Ich finde heutige Politiker verschließen sich immer noch zum Teil dieser Einsicht, auch all jene Politiker die uns weis machen wollen, wenn Hitler sein Werk zu Ende gebracht hätte, wären sie sowieso alle längst tot, gleich den zahllosen Minderheiten vor ihnen ausgerotteten. Deshalb sind sie zu Unrecht überlebende, so die Ewig-Gestrigen
THEODORA:
Diese Antisemiten, die den Überlebenden der Shoah und ihren Nachkommen, das Recht auf Leben nicht zugestehen, weil diese zurückfordern was ihnen einst gehörte! Wie ist es sonst möglich, dass so viele Überlebende und ihre Erben immer noch um ihr Recht kämpfen müssen …
EDWIGE:
…es gibt Politiker die reden zum Teil immer noch „vom verschleppen dieser Forderungen, bis niemand mehr da ist“ das muss man sich vorstellen. Hitler war kein unbegreiflicher Zufall der Geschichte, Hitler war die Synthese, die infernalische Kristallisation eines Vokes, aber nicht nur der Deutschen die ihn frei gewählt haben, für Menschen weltweit wurde er zum Vorbild damals, sowie auch noch heute!
THEODORA:
wie wird die nächste Synthese aussehen
ROSL:
Momentan laufen Wiederbetätigungs- Prozesse überall in Europa
Maurice/Garcia Schaut Euch an wie hoch bei uns in Frankreich der Zuspruch für das rechte Lager ist. Charlie Hebdo, die Geiselnahme im jüdischen Supermarkt, Bataclan etc. und Marine Le Pen streitet diese historische Wahrheit bei Wahlkundgebungen immer wieder ab. Erst jetzt wieder bei den Bürgermeister Wahlen
ROSL:. Ich bin richtiggehend stolz darauf, dass in Dieulefit der rechtsradikale Anteil am Front National bei den Kommunalwahlen nicht vorkommt, leider jedoch im Departement stellenweise bis zu 40% beträgt. Wann werden die Netzwerke der extremen Rechten endlich ausgehoben, sei es beim Militär, Polizei, Wirtschaft, Zeitungen oder wo immer! Wo wird entschieden dagegen vorgegangen? Hand aufs Herz!
(schenkt Eierlikör nach)
ROSL:
… Man muss sich die Verunsicherung der Menschen von damals bloß vorstellen, niemanden mehr Vertrauen zu können, die Zwischenmenschlichen Beziehungen verkamen ins unendlich hässliche, traurige und beschämende, denn bei jedem mit dem man auch nur oberflächlich in Beziehung trat, stellte man sich die Frage, ist das nicht vielleicht jemand der imstande ist dich zu verderben. Das kann Heute jederzeit wieder passieren, eine menschliche Tragödie die in den seelischen Ruin führt! Wir haben es als Kinder erlebt …mit jedem Tag wurden wir innerlich ärmer, frostiger, herzloser
MAURICE/GARCIA:
Autokraten nehmen zu. Momentan sind es 56% der Regierungen weltweit.Und in demokratischen Regierungen gewinnen immer mehr Autokraten an Einfluss. Die Zivilbevölkerung kann nur durch organisierten Protest den Terror überwinden der innere Feinde schafft, indem er unbescholtene Bürger kriminalisiert um Angst zu verbreiten und so die Mehrheit gefügig macht
EDWIGE:
… es war für uns verdammt schwer ein Leben der Gefühle und positiven Gedanken zurückzugewinnen, um nicht ein Lebenskrüppel mit gebrochener Seele für immer zu bleiben. Erinnere dich an Bertolt Brechts Gedicht „Kinderkreuzzug“!
ROSL:
…, zwischen Feuer und Trümmerstätten fand das Kind die Eltern nicht mehr, und suchend nach dem Land mit Frieden, ohne Donner, ohne Feuer, nicht wie das aus dem sie kamen, und der Zug wird ungeheuer. Wenn ich die Augen schließe seh ich sie wandern, von einem zerschossenen Dorf zu einem zerschossenen anderen, und neue Gesichtlein seh ich spanische, französische, gelbe,
à propos, wie geht es deinem Lyrikband „aus der Not macht die Auster eine Perle“, hast du schon alles beisammen um es zu veröffentlichen
EDWIGE:
… beinahe, ja, pass auf, weil wir gerade davon sprechen, hab ich gestern geschrieben:
Ein Kind,
zerbrechen brechen … falten … knicken … umbiegen …geradebiegen …zurechtbiegen … so lange biegen … und brechen … bis es losgerissen ist von den Wurzeln seines Ursprungs
Die sogenannte zivilisierte Welt hat damals nicht gewagt Einhalt zu gebieten und was ist heute?
MAURICE/GARCIA:
…Erinnert Euch was bei der Konferenz von Evian im Jahr 1938 rauskam, gar nichts, sie endete ergebnislos. Alle 32 Teilnehmerstaaten bis auf die dominikanische Republik, weigerten sich
mittellose jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Hitler und Himmler über alles, schlachteten es dann für ihre antisemitische Propaganda gebührend aus. Die Juden wurden von da an, als Problem betrachtet, der anfängliche humanitäre Impuls, das werden wir schon schaffen, geriet rasch ins Stocken, und fast alle teilnehmenden Nationen erklärten: wir sind kein Einwanderungsland um uns für diese mittellosen Flüchtlinge und Verfolgten einzusetzen. Die USA nahmen danach nur mehr vermögende Flüchtlinge in geringer Anzahl auf.
THEODORA:
… glaubst du wird es eine kommende Staatengemeinschaft schaffen, Einigkeit herzustellen damit die, die gezwungen sind ihr Leben in Ghettos und Lagern zu verbringen, eine Heimat finden können und nicht den Rest ihres Lebens darauf warten müssen bis sie endlich qualvoll sterben oder ermordet werden …
MAURICE/GARCIA:.(.ich weiß es nicht), wir können nur jeden Tag daran arbeiten! Ihr seht ja wie schwer es ist, eine Einigkeit allein in der EU herzustellen.
ROSL:
Egal in welcher Ausnahmesituation Menschen sich gerade befinden, es sind vor allem die Kinder die noch gefährdeter sind. Erinnere dich, womit du dich da gerade wärmst?
THEODORA:
… Was, wieso Rosl? Eine alte Decke, ja und, … jetzt sag was ist damit?
ROSL:
… Wahrscheinlich warst du damals zu klein, es war Trudchen, sie hatte die Aufgabe sich um die Kleinsten zu kümmern. Wenn die rote Decke auf das Balkongelände von François
EDWIGE:
alias Isaak aufgehängt wurde, hieß es für uns Kinder verschwinden!. Marguerith hat ihn, so wie alle Älteren von uns, mit diversen Aufgaben betraut, und er hatte dafür zu sorgen, wenn Gefahr in Verzug war, sofort und für uns alle sichtbar am oberen Balkon, nebst vielen anderen Wäschestücken die rote Decke aufzuhängen.
ROSL:
Daraufhin verschwanden wir in den Höhlen und Erdlöchern der Wälder hinter der Kloster-Schule. Catherine traf die Einteilung wer mit wem sich wo zu verstecken hatte, und sie war es auch die uns dann hervorholte, wenn der Spuk vorbei war, indem sie diese Decke wieder abnahm.
THEODORA:
…mit der Decke? Nein das ist ganz weg bei mir! … Ich erinnere mich nur, dass wir, als es kaum noch Gemüse gab, Spinat und Brennnesseln auf den Wiesen und in den Wäldern hinter der Schule und am Bach entlang pflücken mussten. Ganz verätzt kamen wir davon zurück, oder auch Bärlauch, Taubnesseln, Löwenzahn, Bachkresse, sowie Pilze und Wurzeln mussten wir sammeln,
EDWIGE:
und hatten sehr viel Spaß dabei!
ROSL:
… erinnert ihr euch an den kleinen Buben aus Graz, irgend so ein Dorf, ich glaub in Ö,
EDWIGE:
aber ja der kleine Moischele, er hatte so einen lustigen Akzent … Aujourd’hui je mange Röhrlsalat! … Moischele regarde il y a des Champignon, Wou, ici, Wou wou
EDWIGE:
… und trotzdem sind für mich viele dieser Erinnerungen wunderschön, manchmal sogar tröstlich, sofern ich sie durch irgendein Band mit der Gegenwart verknüpfen kann, wenn nicht, sind sie oft peinigend, auch heute noch nach so vielen Jahren,
ROSL:
… meine Kräuter und Pilzkenntnisse verdanke ich meiner Schulzeit! Aber hier und da plagt mich immer noch, auch noch mit 85, dieses deprimierende Gefühl von Heimweh, obgleich ich doch bereits vor sehr sehr langer Zeit, vor 72 Jahren meine Heimat verloren habe.
THEODORA:
… das verstehe ich nicht, du hast doch vor Jahrzehnten eine neue Heimat gefunden?
ROSL:
… nein Dora, ich habe Geborgenheit, Anerkennung, Akzeptanz und Liebe gefunden, das ist mehr als vielen von uns vergönnt war, vor allem durch euch, aber du Dora bist Französin, ich bin die Deutsche die Angst hat, schau was in Russland passiert, oder der wiederaufkeimende Antisemitismus … nicht nur in den neuen Bundesländer, sondern weltweit
EDWIGE:
ich verstehe Rosl, ich komme aus einer Gegend wo Umerziehung an der Tagesordnung war ich …
MAURICE/GARCIA:
unter Gebildeten und Intellektuellen begegnen wir immer öfter Vorurteilen, die durch subjektive Fehleinschätzung und durch parteipolitische Verhetzung in den Massenmedien zu Misstrauen führt, bis hin zur offenen Feindschaft gegen Mitmenschen von denen behauptet wird, dass sie die Krise verursacht haben (
THEODORA:
… der Mensch erfährt das in seiner kurzen Lebensspanne leider immer wieder, also kann er nicht früh genug damit anfangen sich mit Vorurteilen auseinanderzusetzen! Meistens handelt es sich um ein bildungsmäßiges Versäumnis und Lügen, durch Erziehung und Schule
EDWIGE:
und Sündenböcke sind rasch gefunden für all die Schändlichkeiten zu denen Mitmenschen fähig sein können.
ROSL:
… du hast so recht, deshalb müssen wir bei den Kleinsten anfangen! somit haben unsere 3 Feen das einzig Richtige gemacht, indem sie eine Schule nach bestimmten pädagogischen Richtlinien gründeten, um Kinder zu schützen, zu stärken, zu lenken und belehren alles zu hinterfragen, denn das ist eine der wichtigsten Aufgaben in einer funktionierenden Gesellschaft, Kinder sind unser aller Zukunft,
(verkutzt sich)
EDWIGE:
welcher Lehrplan setzt das konsequent um, und wo finde ich diese Schule heute,
THEODORA:
… sie muss jeglicher Form von Rassismus, Menschenhass, Populismus, Despotismus (
ROSL:
hustet) entschieden entgegentreten. Die Chance aber auch Herausforderung für die nächste Lehrer- Generation … (
ROSL:
hustet) das gefällt mir aber gar nicht. Nimm doch einen Schluck Wasser
(r geht ab)
(T wühlt im Koffer, entnimmt eine Nonnenhaube der Franziskanerinnen)
ROSL:
…
(aus dem off,) Wie wär es mit einem Stück Camembert, Baguette und ein Glas Bordeaux (bringt Wasser …
THEODORA:
aber nur wenn du auch gesalzene Butter hast! lachen,
(R wieder ab, hört Korkenzieher T hängt sich Nonnenhaube um, R kommt herein vor Schreck fällt etwas runter) …
ROSL:
… Himmel hast du mich jetzt erschreckt,
EDWIGE:
was ist das? Woher hast du die …
ROSL:
… Das ist der Schleier von Mlle Simone, sie war doch zuerst im Kloster von Lambard und hat als Pädagogin im dortigen Behindertenheim gearbeitet als sie Marguerite, bei deren Erkundungstour durch französische Heime kennenlernte und … kurz darauf nach Dieulefit kam, ihren Novizinnen Schleier ablegte und blieb! Deshalb konnten auch einige unserer aufgenommenen Flüchtlinge in Lambard unterkommen! : … …
EDWIGE:.hmmm, ist der Käse gut,
ROSL:
… du wolltest doch gesalzene Butter,
THEODORA:
… Danke nein, ich nicht, … da musst du dich verhört haben
ROSL:
ich, also … sag jetzt aber nicht ich bin alt und verwirrt … bitte um Wein,
THEODORA:
hmm köstlich. Herrlich! so ersparen wir uns gleich das Abendessen.
MAURICE/GARCIA:
hmm, Wein, was braucht es mehr, Käse und Baguette
THEODORA:
… und gesalzene Butter Santé mon amour …
ROSL:
…Santé à tout le monde …
EDWIGE:
: … sag entwirfst du noch Kleiderschnitte zum selber nähen für diese Pariser Zeitschrift
ROSL:
… Ja …in dem neuen Heft, das übernächsten Monat erscheint werden zwei Schnittmodelle von mir zum nachnähen vorgestellt. Ich bin zur Präsentation vom Jahresheft eingeladen. Fahrt doch mit, dann könnten wir auch gleich am Magistrat ein Ansuchen für einen Gedenktag der nationalen Schande einbringen,
THEODORA:
toll, aber erst mal Gratulation zu deinem Erfolg mit den Schnittmustern, Prost
tja und wegen dem Ansuchen das wäre zu überlegen und vor allem sehr gut zu planen
MAURICE/GARCIA:
Finde ich auch super, wie ich schon sagte erkennen, beherrschen, verbessern; ich könnte Euch mit meinem Vereinswissen dabei unterstützen, wir haben ein paar einflussreiche Mitglieder, die ich versuch kann dafür zu begeistern
THEODORA:
… ernsthaft jetzt?
MAURICE/GARCIA:
aber ja, und den Koffer nehmt auch gleich mit und bringt ihn ins Mémorial de la Shoah im 4 Arrondissement, du willst ihn doch sowieso nicht behalten …
EDWIGE:
Wenn man bedenkt, dass erst Macron im Jahr 2004 offiziell das Mémorial de la Shoah, anerkannt hat, Mitterrand leugnete die Beteiligung der Franzosen am Holocaust noch 1990 und Chirac hat die Beteiligung an der nationalen Schande erst 1996 zugegeben aber nichts diesbezüglich gemacht
THEODORA:
… Rosl wirklich eine sehr gute Idee, phantastisch! Es gibt keine Wunder, es gibt nur Menschen die unter bestimmten Bedingungen zu dem werden, was sie sind!
ROSL:
… Menschen, außerdem hab ich ja noch einen Koffer in Berlin!
THEODORA:
… aber geh, mach jetzt keine dummen Witze, einer genügt …
ROSL:
… nein im Ernst (sie singt: ich hab noch einen Koffer in Berlin, deswegen muss ich nächstens wieder hin! Die Seligkeiten vergangener Zeiten, sie sind alle noch in dem kleinen Koffer drin!)
Prost auf uns!
(tanzen mit Glas in der Hand selbe Musik)
THEODORA:
… jetzt aber im Ernst, du hast wirklich noch einen Koffer in …
ROSL:
… ja sagte ich doch, eine Kusine meiner Mutter brachte ihn ins Depot der komischen Oper unter den Linden als sie und Samuel auch weg mussten. Sie war dort Kostümbildnerin und hat meine Mutter darüber informiert
THEODORA:
… und was wird da drinnen sein?
ROSL:
… Gold …viel Gold
THEODORA:
… Ha ha … nicht schon wieder! Nein, nein, außerdem, hat sich das damals schon euer Hitler geholt!
EDWIGE:
Gab Gold für Eisen!
ROSL:
Dora neinnnnnnnnnn, das ist es was ich vorhin gemeint habe, Dora ich, nein, ich die Deutsche Wie kannst du nur, Dora das tut so weh …
(zusammenbruch)
THEODORA:
Entschuldige, bitte, ich weiß nicht wie mir das passieren …
(großer Wirbel) konnte ich habe
MAURICE/GARCIA:
Hitler ist überall …
EDWIGE:
bitte beruhigt Euch, bitte, Rosl wir alle stehen zu dir, wir sind deine Freunde deine Familie …
ROSL:
ja danke ich weiß es ja, aber ich verstehe nicht wieso und warum, aber es ist so etwas wie
(kollektives) Schuldbewusstsein in mir, ich weiß nicht wieso und warum ich kann doch nichts dafür, Ehrlich gesagt ich, außerdem, ich habe schon ein wenig Angst nach Deutschland zu fahren, wenn der Koffer überhaupt noch auffindbar ist und dann erst der Inhalt, meine familiäre Vergangenheit zu erfahren ich weiß nicht, vielleicht, kann mich wer von Euch begleiten … R hustet
E … jetzt fahren wir erst mal alle drei nach Paris denn wie heißt es bei Brecht; wer kämpft kann verlieren, aber wer nicht kämpft hat schon verloren!
Black, Musik und Lied des einfachen Menschen von Jura Soyfer, Applaus.