Toleranz! Toleranz? Beginnen wir mit der Begriffsbestimmung – im Duden.
Dort wird Toleranz als Duldsamkeit beschrieben. Dann der medizinische Begriff, der eine „begrenzte“ Widerstandsfähigkeit des Organismus gegenüber äußeren Einwirkungen beschreibt. Das Adjektiv begrenzt finde ich in diesem Zusammenhang bemerkenswert. Der technische Begriff behandelt die zulässige Differenz zwischen der angestrebten Norm und den tatsächlichen Maßen, Größen, Mengen oder ähnlichem. Für den technischen Begriff ist an dieser Stelle festzuhalten und anzumerken, dass diese Definition im Rahmen der zulässigen Differenz keine Gegenregulierung erfordert.
Nachdenken möchte ich aber auch darüber, woher der Begriff überhaupt kommt. „tolerare“ ist das ihm zu Grunde liegende, aus dem Latein entnommene Verb. Es gelangt im 16. Jahrhundert zu höherer Bedeutung, als sich Humanismus und Reformbewegung einen Namen machen und zur neuzeitlichen „Toleranzidee“ führen. Beispielsweise ermöglicht Luthers „Zwei-Welten-Lehre“ nun die noch recht rohe Idee von Trennung von Staat und Kirche und, weiterführend, der Religionsfreiheit. Der Begriff hat hier einen fast ausschließlichen Religionsbezug, weltliche oder gar staatliche Ideenlehren sind noch nicht präsent.
1689 erschien John Lockes Brief über Toleranz. Eine direkte Analogie unterstelle ich hier nicht, aber man könnte es bildlich betrachten und Locke zusehen, wie er den Lutherischen Rohentwurf aufnimmt und weiter zeichnet. Auch er argumentiert für die Trennung von Kirche und Staat. Die Regierung soll für den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum zuständig sein, während Religion eine persönliche Angelegenheit zu bleiben hätte. Er verteidigt die Freiheit des Gewissens und lehnt jeglichen staatlichen Zwang in Glaubensfragen ab, da echter Glaube nur aus innerer Überzeugung entstehen kann. Locke kritisiert religiöse Verfolgung als unchristlich und gesellschaftlich spaltend, während er Toleranz als grundlegendes Prinzip fordert. Allerdings zieht er Grenzen der Toleranz gegenüber Gruppen, die die öffentliche Ordnung gefährden oder intolerant gegenüber anderen sind. Dazu zählen für ihn auch Atheisten, da sie im Vergleich zu den Menschen unterschiedlicher Religionen keine moralischen Grundlagen für ihr Handeln hätten. Anders als weltliche Strafen, denen sie gegebenenfalls geschickt entgehen könnten, müssten diese nämlich vor allem in metaphysischem Sinne aufgrund ihrer fehlenden Gottesvorstellung keine übernatürlichen Sanktionen befürchten. Der Text gilt als wegweisend für moderne Konzepte von Religionsfreiheit und einer liberalen Gesellschaft.
Der sich so konstituierende Toleranzbegriff wird folglich zu einem Grundstein und einer Grundidee der Aufklärung. Ohne sie ist keine Freiheit, keine Gleichheit, keine Brüderlichkeit und auch keine Humanität denkbar. So ist es kein Zufall, dass sich viele Autoren der Aufklärung damit beschäftigten. Unter anderem ist Lessings Ringparabel ein auch heute noch aktuelles, grundlegendes Werk, das sich mit der Toleranz beschäftigt, Voltaires Traktat über die Toleranz ist ein weiteres Beispiel. Dabei handelt es sich um einen Aufruf zur religiösen und gesellschaftlichen Toleranz durch Vernunft, Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Er betont, dass keine Religion das Monopol auf Wahrheit hat, und plädiert ebenso für die Trennung von Kirche und Staat. Tolerierte Vielfalt führt für Voltaire zu Frieden und Fortschritt.
Einige Leser werden sich zu Recht denken, dass die Toleranz an sich ja schon viel älter sein muss. Vielleicht als kurzen Rückgriff möchte ich da das Beispiel des römischen Friedens anführen. Dieser hatte das Ziel eines Friedens im Sinne von Stabilität, Ordnung und Wachstum, erforderte aber Unterwerfung von verschiedensten Stämmen und Eingliederung ins Römische Reich. Dafür gab es Teilhabe an römischen Ideen von Staat und Verwaltung, an Entwicklung in der Technik, sprich an Fortschritt. Einigen gefiel die Idee nicht, was blutige Konsequenzen zur Folge hatte, andere lebten gut damit. Hinsichtlich der Religion der Unterworfenen war es so, dass sich schon die Römische Republik sehr großzügig zeigte. Die Ausübung blieb ihnen erlaubt, hin und wieder wurden die Hauptgottheiten der unterworfenen Stämme auch einfach mit einzelnen Gottheiten im römischen Pantheon gleichgesetzt oder diesem einfach neu hinzugefügt. Später kam als Bedingung die göttliche Verehrung des Kaisers hinzu, aber ansonsten hatte man in dieser Hinsicht seine Ruhe, außer man bildete sich ein, Menschen opfern zu müssen. Sogar mit dem Judentum verhielt es sich eigentlich recht ruhig. Diese lehnten zwar die göttliche Verehrung des Kaisers ab, spätestens unter Caligula gab es da einiges an Aufregung, aber im Allgemeinen konnte Rom ganz gut mit diesem Ein-Gott-Glauben leben. Dieser war nicht missionarisch und wollte in seinen Grenzen bleiben, was ihn tolerierbar machte. Anders war es mit dem Christentum. In der Zeit dessen Aufstiegs beschreibt Municius Felix einen Spaziergang von Freunden entlang eines Strandes. Einer der Freunde war eher opportunistisch religiös, also an religiösen Rieten und Opfertum nur insofern interessiert, als man ja nicht wissen könne, ob da nicht doch etwas ist. Er wirft einer Statue einer Gottheit eine Kusshand zu, was man offenbar so machte, und das aus reiner Gewohnheit. Ein anderer Freund, ein überzeugter Anhänger des Christentums, betrachtet mit voller Abscheu diesem gewohnheitsmäßigen religiösen Akt, verschmäht ihn als unheiligen Götzendienst, attestiert dem anderen Freund durch seine Lebensweise ewige Verdammnis und spricht ihm seine Existenzberechtigung ab. Das Römische Reich erkennt die Gefahr hinter dieser Einstellung nach anfänglicher Gleichgültigkeit und geht verständlicherweise in einzelnen Wellen rigide dagegen vor. Allerdings zu spät. Ein paar hundert Jahre später versucht das Reich noch mit einem Toleranzedikt der Lage Herr zu werden und einen Ausgleich mit dem Christentum zu finden. Einmal dem neuen radikalen Glauben Tür und Tor geöffnet, werden alte Sitten und Werte sehr schnell ausgegrenzt und ausgelöscht. Viele Historiker sehen diese Entwicklung als einer der treibenden Faktoren beim Niedergang und der Zerstörung des weströmischen Reiches. Diese Anekdote und die beschriebene Entwicklung sollten uns durchaus nachdenklich stimmen. Sie zeigen nämlich die These als Toleranz, die Anthese in Form der Intoleranz sowie die Synthese auf, die in diesem Sinne ordentlich schief gegangen ist. Wollten wir Parallelen zur Gegenwart ziehen, würden wir sehen, dass wir einiges zu tun haben, wenn wir ein anderes Resultat erzielen wollen.
Nun zu einem durchaus schwierigeren Schritt in diesem Artikel, nämlich dem Umreißen der zeitgenössischen Problematik zum Toleranzverständnis. Dieses aufzuarbeiten ist eine heikle Aufgabe, denn dieser Begriff wird mittlerweile gerne von allzu vielen Akteuren für die eigene Botschaft zurechtgestutzt und modelliert, wie sie einem gerade in den Kram passt.
Ein Beispiel für eine solche Vereinnahmung und Verzerrung des Toleranzbegriffs ist die gegenwärtige Propagierung des Kulturrelativismus, der eine Negation universeller Maßstäbe und eine Dekonstruktion aller unserer lebensweltlichen Vorstellungen propagiert. Alle Kulturen sind nach dieser Idee gleichwertig. Kulturübergreifende Normen gibt es keine, eine Beurteilung anderer Kulturen ist demnach übergriffig und intolerant. Ein Widerspruch in sich, denn die Idee, es gebe keine kulturübergreifende Norm stellt ja gerade eine kulturübergreifende Norm dar. Außerdem sind es ja gerade die Vertreter dieser Idee, die sich über fehlende Rechte und traditionelle, rückständige oder auch menschenverachtende Weltbilder in anderen Kulturen ereifern. So wird das Modell des Kulturrelativismus zur Doppelmoral im Gewand der Toleranz, die nicht viel Brauchbares zum Gemeinwohl beiträgt. Im Gegenteil, schwer erarbeitete humanistische Werkzeuge und Maßstäbe wie die Menschenrechte werden dadurch ausgehöhlt und zerstört. Dennoch wird der Kulturrelativismus in vielen Universitäten seit Jahrzehnten unter einem Deckmantel eines toleranteren Denkens gelehrt. Dabei ist auch hier, wenn man diese Thesen zu Ende denkt, klar: Um ein freies, menschenwürdiges Miteinander, das humanistisch geprägt ist, zu verwirklichen, braucht es diese übergreifende Norm der Meinungsfreiheit und der Religionsfreiheit als universales Prinzip und absoluten Wahrheitsanspruch.
Ein weiteres Beispiel, wie versucht wird, den Begriff Toleranz neu zu prägen, für eine Seite zu instrumentalisieren und andere Positionen über eine Kante ins Aus zu stoßen ist der aktuelle „Kampf gegen Rechts“, der im Sinne eine Abgrenzung gegen das Extreme ja durchaus seine Berechtigung hat. Dabei wird aber sehr gerne überzeichnet. „Die Welt marschiert in den Faschismus“, „Kehrt der Faschismus zurück? Oder ist er schon da, mit Trump, Orban und Höcke?“ „Die heimlichen Hitler“ – Das ist nur eine kleine Auswahl an Titeln von Zeitungsberichten, die gerne Trump, Putin, Meloni, Le Pen, Milei, Höcke und Wilders irgendwie mit dem Faschismus und Hitler in Verbindung bringen. Kritik an Genderbestrebungen, an Klimaaktivisten, an Förderungswut der Politik und verantwortungslosen politischem Handeln in Sachen Migration sind hier schon Zeichen eines „Faschisierungsprozesses“. Wenn man bedenkt, wie viele Faschisten, auch unter uns Brüdern da zusammen kommen, würden wir ja tatsächlich in den Faschismus marschieren. Einige unter den genannten Politikernamen sind selbstverständlich zutiefst fragwürdige Gestalten, keine Frage. Aber gerade in unserer Gesellschaft sehe ich noch keine Einschüchterung, Terror und Mord durch militarisierte Kampfverbünde, ein Hineinzwingen der Gesellschaft in staatliche Organisationen zur Indoktrinierung oder ähnliches, die an die Situation der Dreißigerjahre erinnert. Im Gegensatz dazu sehe ich auch keine Beschwörung des Jahres von Stalins Machtübernahme sowie Aufrufe zum Widerstand gegen den Neokommunismus, wenn die Partei der Grünen wieder einmal die 10-Prozent-Grenze bei den Wahlen überschreitet und die SED-Nachfolgepartei in den deutschen Bundestag einzieht. Ich sehe aber, wie hunderttausende politisch und medial instrumentalisierte Menschen (wohl vor allem aus jenen vorher angesprochenen 10 Prozent) gegen legitime politische Positionen und rechtsstaatliche Vorgänge auf die Straße gehen, Parteizentralen stürmen, Menschen mit Gewalt drohen und gleichzeitig ihre rhetorisch manifestierte Brandmauer schnappen und ein ordentliches Stück Richtung links versetzen. Das alles aus Angst vor dem Verlust der Demokratie, die sich ihrer Meinung nach an ihrer Deutungshoheit zu orientieren hat. Einer Demokratie, in der die eigene Position die einzig richtige ist, und in der man sich konsequent damit rühmt, mit den 20 Prozent hinter der Brandmauer, Tendenz stark steigend, politisch nicht einmal zu diskutieren oder einen Konsens finden zu wollen. Bei solch intolerantem Vorgehen einer politischen Schlagseite wird gerne schwarz-weiß gedacht, die Individualität wird durch die erzwungene Gruppenzugehörigkeit zurückgedrängt und der Gegenseite ohnehin die Existenzberechtigung aberkannt. Das wiederum erinnert mich schon eher an Vorgänge in den 30iger Jahren, nur eben mit vertauschten Seiten.
Von den 20 Prozent abgesehen, die ohnehin schon hinter der Mauer stehen, ist die Folge dieser Bilder bei vielen in der Gesellschaft ein „Quiet Quitting“, ein Rückzug aus dem Diskurs aufgrund der Sehnsucht nach politischer Ruhe und Frieden. Man hält lieber den Mund, streitet nicht mehr darüber, was richtig und falsch oder gut und böse ist. Man schaut lieber zu, wie eine Minderheit den Diskurs für sich einnimmt und altehrwürdigen Begriffen eine eigene Definition verpasst. Man sieht dem Verfall des Wirs zu, dem immer mehr die Grundlage, die gegenseitige Toleranz, die Wertschätzung und das streiterische Ringen um die beste Lösung einer Situation und damit deren dialektische Ausformung verloren geht. Warum soll man sich denn für das Gemeinsame einsetzen, wenn das Trennende gefeiert wird und keiner das Verbindende sucht? Diese Weltabwendung darf aber keine Option sein. Die gestohlenen Begriffe müssen zurückgeholt werden, gegen die übergriffigen Ansprüche der lärmenden Minderheit, am besten so, dass ein paar Leute von hinter der Mauer wieder nach vorkommen. Der erste Begriff, den wir uns zurückholen sollten, der in der Folge das Werkzeug schlechthin sein wird, sollte die Toleranz sein.
Dafür schärfen wir den Begriff der Toleranz ein wenig. Zuerst möchte ich dazu das Toleranzparadoxon nach Popper als Idee bedienen. Popper hat erkannt, dass uneingeschränkte Toleranz letztlich zur Zerstörung der Toleranz selbst führt. Intolerante nutzen die Freiheit der toleranten Gesellschaft, um sie gegen diese selbst zu richten. Er warnt vor Gruppen, die Toleranz und Meinungsfreiheit ausnutzen, um sich Gehör zu verschaffen, aber gleichzeitig andere Meinungen unterdrücken oder abschaffen wollen. Als Lösung schlägt er vor, dass die tolerante Gesellschaft das Recht haben muss, Intoleranz nicht zu tolerieren, wenn sie die Grundlagen der Toleranz bedroht. Dies soll in erster Linie durch Argumentation und öffentliche Debatte geschehen. Erst wenn die Intoleranten mit Gewalt und Zwang argumentieren, müsse man ihnen mit Verboten oder Gewalt entgegentreten.
Wir alle kennen es aber: wenn wir auf eine gegenteilige Meinung treffen finden wir schnell Argumente, warum diese nicht stimmen können. Genauso schnell glaube ich, dass man einer Position auch Intoleranz unterstellen kann. Daher wäre das Fassen von Merkmalen intoleranter Positionen nützlich, um diese zu erkennen und als solche bezeichnen zu können. Versuchen wir es.
Da wäre die Ablehnung von Diskussion und Argumentation. Intolerante Gruppen oder Personen sind oft nicht bereit, sich auf rationale Debatten oder faktenbasierte Argumente einzulassen und versuchen, den Diskurs zu unterdrücken.
Der Aufruf zur Unterdrückung Andersdenkender ist ein weiteres Kennzeichen. Oppositionelle Meinungen werden mundtot gemacht, Zensur, Repression und Gewalt gegen bestimmte Gruppen als legitim betrachtet.
Gewaltbereitschaft und Zwangsmethoden sind weitere Werkzeuge der Intoleranz zur Durchsetzung ihrer Überzeugungen.
Dogmatismus und Absolutheitsansprüche sind ebenso ein Kennzeichen. Intolerante behaupten oft, die alleinige Wahrheit zu besitzen. Andere Meinungen werden nicht zugelassen, Pluralismus abgelehnt.
Geradezu dreist ist ein weiteres Merkmal, nämlich die Nutzung der Toleranz zur Abschaffung derselben. Dazu wird auf demokratische Freiheiten und demokratische Mechanismen zurückgegriffen, um langfristig antidemokratische Strukturen zu etablieren.
Aber wie können wir die Toleranz nun gegen intolerante Positionen stärken? Ich glaube dazu an klare Abgrenzung sowie an Methode zur Anwendung. Zu beidem habe ich gesucht und versucht zu fassen. Das Ergebnis von ersterem ist die Bildung von Kategorien, in denen wir viele unserer ideologisierten und auch unsere ernüchterten Vorstellungen von Toleranz wiederfinden, aber auch unterschiedliche Motivationen erkennen können.
Beginnen wir mit der unkritischen oder auch naiven Toleranz. Diese wird vor allem aus falsch verstandenem Liberalismus oder einer Konfliktscheu heraus gewährt. Sie lässt gefährliche Ideologien oder Handlungen gewähren, sich ungehindert ausbreiten und gefährdet damit langfristig die Grundlagen der offenen Gesellschaft. Ein Beispiel dafür ist die Duldung von Hasspredigern oder extremistischen Gruppen aus Angst, intolerant zu wirken.
Dem ähnlich ist die passive Toleranz. Sie beschreibt das blosse Ertragen oder Dulden von Meinungen, Handlungen oder Lebensweisen, die man selbst ablehnt. Dabei wird keine aktive Zustimmung oder Unterstützung ausgedrückt, sondern lediglich darauf verzichtet, gegen abweichende Positionen vorzugehen. Das kann kurzfristigen sozialen Frieden wahren, birgt aber die Gefahr in Gleichgültigkeit gegenüber problematischen Haltungen oder Entwicklungen abzugleiten. Ein Beispiel hierfür: Das Ertragen von Lärmbelästigung durch Nachbarn, ohne aktiv einzugreifen, obwohl sie stört.
Die aktive Toleranz geht über das bloße Ertragen hinaus. Sie erfordert eine bewusste Entscheidung, anderen Lebensweisen oder Meinungen Raum zu geben. Sie basiert auf der Anerkennung von Vielfalt und der Wertschätzung des Pluralismus. Als Beispiel lässt sich die Unterstützung von religiösen Minderheiten bei der Ausübung ihres Glaubens anführen, auch wenn man selbst Atheist ist.
Eine strategische Toleranz hingegen wird aus pragmatischen Gründen geübt, um größere Konflikte und Spannungen zu vermeiden. Sie ist nicht unbedingt von einer Zustimmung zur tolerierten Position geprägt, sondern dient dem Erreichen eines übergeordneten Ziels. Außerdem ist sie zeitlich begrenzbar und kann zurückgenommen werden, wenn die andere Position akut problematisch oder ein Konsens nicht mehr nötig ist. Ein Beispiel dafür ist das Dulden autoritärer Regime in internationalen Beziehungen, um Konflikte zu vermeiden und eigene Vorteile zu erlangen.
Wehrhafte Toleranz beschreibt die bewusste Entscheidung, intolerante Ideologien oder Handlungen nicht zu tolerieren, wenn sie die Grundlagen der offenen Gesellschaft bedrohen. Sie ist Grundlage einer wehrhaften Demokratie, die ihre Werte durch klare Grenzen und durch aktives Eingreifen verteidigt. Sie akzeptiert die Haltung, dass Toleranz in manchen Fällen intolerant sein muss, um sich selbst zu bewahren, wie beispielsweise das Verbot von Bewegungen, die demokratische Prinzipien abschaffen wollen.
Diese Kategorisierung darf sich natürlich nicht nur damit beschäftigen, wie man mit anderen Positionen umgeht. Die selbstkritische Toleranz fordert die Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen und Werte in Frage zu stellen und in den Dialog mit anderen zu treten. Diese Form betont die Reflexion und die Offenheit für Veränderung. Sie kann ein tieferes Verständnis zwischen unterschiedlichen Gruppen fördern und ideologische Verhärtungen verhindern. Als Beispiel ist hier ein überzeugter Umweltschützer anzuführen, der bereit ist, mit Gegnern von Klimaschutzmaßnahmen zu diskutieren und deren Argumente ernst zu nehmen.
Diese selbstkritische Toleranz ist so sicher nicht die einfachste, sondern aufwendigste Art, mit anderen Positionen umzugehen. In Kombination mit einer wehrhaften Toleranz wäre sie aber die notwendige Grundlage für langfristigen Konsens, friedliches Zusammenleben und Fortschritt.
Nach der Kategorisierung wäre für uns auch eine Methode interessant, mit der wir mit Toleranz klarer umgehen können. Ich bin dabei bei einer Toleranzskala fündig geworden. Sie beschreibt drei wesentliche Bereiche, nämlich die Intoleranz, die Toleranz und die Akzeptanz.
Die Intoleranz wird dabei als Ablehnung von Meinungen oder Verhaltensweisen beschrieben, die als gefährlich oder inakzeptabel betrachtet werden. Extremismus und Dogmatismus religiöser oder politischer Natur, damit verbundene Unvereinbarkeit von Positionen mit Menschenrechten, Sonderrechte für bestimmte Gruppen oder Religionen, die Propagierung von Gewalt und Hass, also Mittel zur Zerstörung demokratischer Strukturen von innen heraus sollten aktiv bekämpft werden, denn nichts weniger als die Freiheit und Sicherheit unserer Gesellschaft steht auf dem Spiel.
Im Bereich der Toleranz können wir Ansichten und Handlungen einordnen, die wir nicht teilen oder gar ablehnen, ertragen und dulden. Dabei darf Toleranz nicht passiv, sondern muss mehr eine aktive Haltung sein um zu prüfen, wo die Grenzen vor allem zu jenem liegen, das nicht tolerierbar ist. Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist ein Prinzip, dass es einzuhalten gilt. Dieses beinhaltet auch das Recht auf Kritik, auf Hinterfragen und sogar auf Beleidigung, insbesondere wenn es um Religion, Ideologie oder mächtige Institutionen geht. Die notwendige Konsequenz einer aufgeklärten Gesellschaft ist, dass Kritik an Überzeugungen nicht durch falsche Rücksichtnahme eingeschränkt werden sollte. Dabei ist dennoch Vorsicht geboten. Sachliche Kritik oder Satire, die sich gegen Ideen oder Institutionen richtet sind durchaus eine legitime und wichtige Form der Meinungsfreiheit. Sachlich bedeutet dabei vor allem faktenbasiert zu argumentieren und nicht auf wilder Spekulation oder widerlegten Behauptungen aufzubauen. In der sensationsgetriebenen Berichterstattung hat man das schon in der Vergangenheit nicht immer ganz so ernst genommen. In Zeiten einer sich stetig vergrößernde Medienvielfalt wird es aber immer schwerer zu differenzieren und zu durchschauen. Journalismus Auswüchse, die durch staatliche Förderungen scheinbare Legitimität erhalten, aber mit fragwürdigen, aktivistischen und ideologiegetriebenen Methoden arbeiten, sind ein Problem. Das Netz ist voll von Bewegtbildbeiträgen von StrgF, Correctiv oder dem Y-Kollektiv, die die Fähigkeit haben, Massen zu desinformieren. Unter durchaus gut recherchierte Beiträge mischen sich zunehmend solche, die, um möglichst hohe Reichweite zu generieren, Sensationen schaffen, oder die der erstellenden Person, die vor allem durch wenig Lebenserfahrung und fehlende Ausbildung glänzt, einen reißerischen Ruf zu verpassen. Dazu werden gerne Tatsachen verdreht oder einfach erfunden. Die genutzten unkonventionellen Ansätze und Kanäle verleihen dieser oft ideologisch getriebenen Berichterstattung den Deckmantel der Unabhängigkeit und Objektivität. Als sachliche Kritik getarnte persönliche Diffamierung wird so nicht selten als Werkzeug genutzt, um Einzelpersonen oder Gruppen, die nicht zur eigenen Ideologie passen zu erniedrigen, zu schädigen oder zu delegitimieren. Für einzelne Gruppen, Minderheiten oder auch Mehrheiten mag das zwar befriedigend sein, widerspricht aber vollkommen der hier dargestellten Toleranzidee und schädigt das an sich wertvolle Recht auf Kritik. Auch hier ist also notwendig, Grenzen zu setzen und gegebenenfalls zu intolerieren.
Abschließend der dritte Bereich, den ich am kürzesten halte, da er für jeden uns der persönlichste ist, nämlich die Akzeptanz. Dabei handelt es sich um aktive Zustimmung zu bestimmten Überzeugungen oder Werten. Wir tolerieren, also dulden und ertragen hier nicht mehr, wir identifizieren uns mit diesen Positionen und unterstützen diese aktiv.
Wir sehen, sich mit dem Toleranzbegriff auseinanderzusetzen ist eine umfangreiche Angelegenheit, die nur schwer einzugrenzen ist. Ich habe über historische Perspektiven der Toleranz gesprochen, die Merkmale der Intoleranz aufgezeigt, die Toleranz versucht in Kategorien zu fassen und abschließend eine Toleranzskala als Methode der Toleranzanwendung angeführt. Euch ist es bestimmt aufgefallen, egal wie sehr man versucht, den Begriff zu fassen, er bleibt kontrovers, subjektiv und leider auch unklar. Dennoch glaube ich, dass gerade die beschriebene Skala in Verbindung mit den beschriebenen Kategorien am ehesten die Definition von Grenzen der Toleranz ermöglicht und der Begriff Toleranz damit wie vorher beschrieben aufgerüstet und als scharfes Werkzeug genutzt werden kann.
Eine wesentliche Frage bleibt aber. Wir haben zwar versucht die Grenze zwischen Toleranz und Intoleranz zu fassen. Wie aber ziehen wir diese, und vor allem wen legitimieren wir, dies zu tun? Natürlich, persönlich und individuell können wir das als reflektierte Menschen durchaus selbst bewerkstelligen. Aber als soziale Wesen sind wir dafür von den Einflüssen unserer Umwelt abhängig, alleine wenn wir die Theorien zu Subjekt und Alterität, zu sozialen Gruppen und zu Kulturen betrachten. Also müssen wir uns bewusst auch um die gesellschaftliche Ebene kümmern. Dabei wären Grenzen zu definieren, gesetzlich festzulegen, zu regulieren und ein Überschreiten zu sanktionieren. Oder sollten wir doch in die gesellschaftlichen Mechanismen vertrauen, in der Überzeugung, dass sich in möglichst großer Freiheit diese Grenzen von Selbst finden?
Genutzte Quellen:
Literatur:
John Locke – Brief über die Toleranz – 1689
Voltaire – Über die Toleranz – 1763
Stephen Greenblatt – Die Erfindung der Intoleranz – 2019
Michael Schmid-Salomon – Die Grenzen der Toleranz – 2016
Artikel:
Christophe Büchi – Europa definiert sich über Toleranz, dabei war die Geschichte des Westens über weite Strecken eine der Intoleranz – 05.12.2024 – NZZ
Giuseppe Gracia – Absolute Wahrheitsansprüche sind nicht die Gegner, sondern die Grundlage von Offenheit und Toleranz –05.07.2023 – NZZ
Alexander Grau – Das eine tun und das andere predigen: Wer für Toleranz und Diversität eintritt, kommt ohne Heuchelei nicht aus – 13.01.2023 – NZZ
Lucien Scherrer – Medien im Faschismus-Fieber – wenn Trump, Le Pen, und Kritiker von „Gender-Gaga“ zu „heimlichen Hitlers“ gemacht werden – 07.03.2025 – NZZ