Werter Leser.
Vorweg möchte ich einen Rahmen setzen: Es geht mir um das, was zwischen Menschen entsteht, wenn man sich wirklich aufeinander einlässt – im Gespräch, im Blick, im kleinen Ernstfall der Begegnung. Und ich glaube, damit berühre ich etwas, das oft zu wenig mitgedacht wird: dass wir Menschen sind – und jeder seine Fehler mit zum Anderen trägt. Das macht demütig.
Das hier Gesagte ist keine Anleitung zur Selbstoptimierung, kein Therapeutisieren, kein „So musst du leben“. Eher ein Versuch, die Erfahrung von Begegnung – und ihre Dynamik – in Sprache zu bringen: Wie Denken weich wird, wenn es berührt wird. Und wie sich Haltung bildet: nicht als Pose, sondern als Antwort auf Wirklichkeit.
Was folgt, ist deshalb kein fertiges System, sondern eine Szene, ein Wegstück, eine Kostprobe. Ich lade euch zu einer Art Kochshow ein – mit anschließendem Dinner. Mein Ziel ist nicht, dass mein Reden mundgerecht, gar abgeschmackt daherkommt. Bekömmlich soll es aber schon sein. Und wenn es gelingt, bleibt vielleicht ein Geschmack zurück, der neu ist, weiterträgt – und im besten Fall ein wenig Dauer hat.
Hier also, wie es zu diesem Rezept kam.
Das erste Treffen
Vergangene Woche führte mich mein Weg zu meinem Freund Markus nach Wien. Er lebt die Hälfte des Jahres im Ausland, und wenn er zu den Feiertagen in Wien ist, ist das für uns Einladung genug, uns zu sehen. Darüber hinaus wusste ich von einer Buchvorstellung eines bekannten Professors an diesem Abend. Gute Aussichten also – für einen gelungenen Tag.
Aber zuerst Markus: seine Wohnung in einem der inneren Bezirke – eine stilvolle Kombüse; eine große geometrische Figur im Raum; Kunst aus verschiedenen Kulturen, christliche und buddhistische Statuen, Bilder aus aller Herren Länder. Ein Raum wie ein Gewürzregal der Weltreligionen.
Ich fühlte mich sofort wohl. Jeder Gegenstand bot sich als Gesprächszutat an. Und wahrlich: Wir stehen auf den Schultern vieler. Der Wert gemeinsamer Arbeit ist immens. An derart vielen Ecken konnte ich menschliche Entfaltung ausmachen.
Wir setzten uns zu Tisch. Begannen mit einem Appetizer über die Romantik, dann Gänseleber, Trüffelbutter – und zwischendrin schlugen wir ein theologisches und viele andere Kochbücher auf. Wir verkosteten Schaumweine und wechselten fast tänzerisch die Positionen am Herd: mal er, mal ich am Kochfeld. Manche Felder würde ich sonst meiden, aber hier war Raum zum Experimentieren – und so kam Hitze ins Gericht.
Wir spielten mit der Intensität, immer so, dass es nicht zu scharf wurde. Immer so, wie wir uns gegenseitig zumutbar waren. Wir beide waren glücklich in unserer Selbstbeherrschung: Genuss, nicht Völlerei. Verkostung, kein Exzess. Zungenspitze statt Übermaß. Niemand verbrannte sich die Lippen.
Oktopus, Chutney, Sprudel – das alles war köstlich, aber doch weniger wichtig als die Atmosphäre: stilvoll, fragend, fragil – und doch fassungsstark, wie gutes Glas. Überschäumende Gespräche. Tolerante Abwägung, aber keine Gleichgültigkeit, keine Beliebigkeit.
Wir kochten und redeten uns durch sieben Stunden: Soziologie, Biografie, Psychologie – und all das im Licht einer saloppen Heiterkeit.
Gab es am Ende eine „Lösung fürs Leben“? Eine Regel, an die wir uns von nun an halten müssten? Natürlich nicht. Aber das Gespräch war wesentlicher als jede fertige Antwort. Wir bauten an geistiger Entfaltung – nicht übergriffig, aber gegenseitig begreifend. Und das Entscheidende: Keiner hatte Macht über den Anderen. Umso mächtiger war die Situation.
Das zweite Treffen
Nachdem wir uns herzlich verabschiedet hatten, fuhr ich mit dem Taxi zur Buchvorstellung des Professors samt Nachtragsdiskussion. Mir war klar, dass ich bei Markus die Zeit übersehen hatte und die Präsentation bereits vorbei sein musste. Das war nicht weiter schlimm – ich war nicht angemeldet, und mein Interesse galt sowieso der Diskussion danach. Außerdem wollte ich das Buch kaufen.
Ich traf tatsächlich genau in dem Moment ein, als die Pause begann: jener Übergang, der den Abend in den zweiten Teil überleiten sollte. Man begrüßte mich freundlich und lud mich ein, mit der Runde ins gegenüberliegende Wirtshaus zu gehen. Dort werde für uns gekocht, sagte man mir.
Es war extrem laut im Lokal – und gerade deshalb kam sofort Stimmung auf. Wir tranken Bier, bekamen unsere Schnitzel, und ich sah mich um:
Links ein Physiker – wenig Sinn für Stil, aber offener Geist. Sehr nett. Rechts ein adrettes Mädchen im Trachtenkostüm wie aus einer anderen Zeit. Gegenüber ein junger Mann im nachtblauen Dreiteiler: weißes Hemd, blutrote Krawatte, kein Einstecktuch, streng geschnittener Haarschnitt – Ordnung schien ihm wichtig zu sein. Und schließlich noch ein etwa Dreißigjähriger, ein Steam-Punk-Dandy, der ausschließlich in Fremdwortkaskaden sprach. Ich verstand ihn kaum.
Trotzdem: grandios. Divers, bunt, lustig. Ich empfand die Runde als anregend – bin ich doch selbst ein schräger Vogel. Ein postmoderner Mischmasch der Möglichkeiten: jede Identität ein eigener Stil, jedes Leben ein Zitat. Daran liebe ich die Gegenwart, dass so viel gezeigt werden darf.
Ich hörte gut zu, stellte viele Fragen, bemühte mich um die Gespräche – und unterstellte allen Wohlwollen, auch wenn ich stellenweise merkwürdige Antworten bekam. Der Physiker sprach über Materie – ein weißer Fleck für mich – aber ich war gebannt von seinem Enthusiasmus. Der Steampunk-Typ war schwer zu folgen, doch ich freute mich über seinen Mut zum Selbstausdruck. Das Mädchen rechts neben mir erzählte von ihrer Aphorismen-Sammlung – das genoss ich besonders.
Der junge Mann im Dreiteiler aber … dessen Aura wollte mir nicht eingehen. Er erklärte, er sei von zu Hause geflüchtet. Aus Braunau, wohlgemerkt – wie er nicht müde wurde zu erwähnen –, denn seine Eltern seien fundamentale Christen. Nun studiere er Theologie in Wien.
Gut.
Als die Pause zu Ende ging, zahlten wir und verließen das Lokal.
Draußen passierte etwas für mich äußerst Verstörendes, etwas stechend Irritierendes – etwas, das mich nachhaltig zum Denken brachte: Der junge Mann – vermutlich kaum über zwanzig – bäumte sich vor mir auf, stach mit seinen blauen Augen in meine Sphäre und sagte harsch:
„Du hast mich beim Reden unterbrochen. Entschuldige dich.“
Und ich empfand mich ins Lustige gezogen und entgegnete:
„Ja, tut mir leid – aber im Wirtshaus passiert das schon mal.“
Ich hielt die Sache für erledigt. Er blieb starr stehen.
„Man unterbricht nicht ohne Folgen. Entschuldige dich aufrichtig.“
Der Physiker, der uns flankierte, meinte nur:
„Er hat sich ja eh entschuldigt. Lass es gut sein.“
Da sagte der junge Mann zu mir, hart und laut:
„Du bist ein Sünder.“
…
Gefolgt von einem Blickduell – kaum zwanzig Zentimeter Abstand. Es fühlte sich endlos an.
In mir liefen die Optionen wie Messer über ein Brett: Wenn ich gehe, glaubt er, ich halte seinem „von Gott persönlich verliehenen Blick“ nicht stand. Wenn ich ihn zu Boden bringe, fühlt er sich bestätigt. Wenn ich ihn ins Lächerliche ziehe, wird er nur aggressiver.
Ich entschied mich für Deeskalation. „Das lasse ich mir nicht bieten“, sagte ich – und drehte mich auf der Ferse um zu gehen.
Aber dieser Blick der blitzblauen, kalten und völlig von Zweifel befreiten Augen ließ mich nicht locker. Sünder? Wer maßt sich hier ein Urteil an?
Ich fuhr mit dem Zug gen Heimat und setzte mich lange Stunden an den Spiegel meines Sekretärs, um die Szene Revue passieren zu lassen.
Was war da geschehen? Warum irritiert mich das so? Die Situation ist doch banal.
Hmmm.
Reflexion der zwei Treffen
Ein Mosaik aus zwei Begegnungen – und ihr Kontrast. So begann ich, mit mir selbst ins Gespräch zu gehen.
Was bei Markus geschah, war am Ende eine Form des ästhetisch aufgeladenen, künstlerisch durchgliederten und doch philosophischen Dialogs: Man wechselte Töpfe, probierte, verwürzte, korrigierte. Es war ein wohlwollendes Zueinander. Man suchte Nähe, auch wenn man sich an mancher Zutat stieß. Man argumentierte aus anderer Perspektive, erhitzte, bevor man die Butter eingoss – so, dass sie karamellisiert und süß wird, nicht so, dass der ganze Hefen brennt. Und das Beste: Wir aßen während des Kochens. Wir verzehrten uns gegenseitig – und blieben heil. Reicher, genährter, energetisch geladen.
Dann der zweite Teil des Tages: eine ganz andere Art von Küche. Es wurde uns gekocht – ungestümer, ohne Maß, mit Energie im Messergriff, aber ohne Klarheit im Sinn. Eine Küche, in der nicht beherzt, sondern aus Unsicherheit heraus hart gewürzt wurde.
Dort begegnete mir ein junger Theologiestudent, der meinte, im Namen einer höheren Ordnung richten zu müssen. Einer, der den Blick Christi zu imitieren trachtete – und doch nur die starre Moral seiner Herkunft in den Augen trug. Kurz: ein Pharisäer, vor denen Jesus selbst schon warnte.
„An den Früchten werdet ihr sie erkennen“, gemahnte einst der Nazarener. Zumindest das hätte der Bursche wohl wissen können.
Aber hier ging es nicht nur um ihn. Hier ging es um das Prinzip, das er verkörperte.
Und plötzlich sah ich es klar: Was mich irritierte, war nicht der junge Mann selbst – sondern das Prinzip der dogmagestützten Feststellung, und zwar ohne jeden Zweifel. Der fehlende Zweifel: das war die Irritation.
Markus prüfte mit mir gemeinsam Zutaten – mit Herz und Maß. Fragen wie Wein, Zweifel wie Pfeffer. Der Andere prüfte nicht das Gericht, sondern mich. Er stand nicht am Herd; kein schöpfender Koch – sondern ein Lebensmittelinspektor.
Er bediente keinen Topf, sondern ein Regelwerk: moralinsauer, jung, verunsichert, geistig überkompensierend, ohne Verantwortung für mehr als seinen eigenen Eifer – aber mit dem Gefühl, er dürfe verantwortungslos alles sagen. Denn die Verantwortung trägt ja die Schrift, auf die er verweisen kann.
Genau, dachte ich: Das baut ihn auf.
Klar wurmte es mich – und ich gestehe, es wurmt mich bis heute –, wie indoktriniert man sein muss, um sich so gegen Offenheit zu verblenden. Wie selbstherrlich muss man sein, um anzunehmen, der Andere sei nicht mehr als das eigene Urteil?
Hätte er nur ein wenig gefragt statt zu wissen, hätte er erfahren, dass ich vermutlich genau das lebe, was ihm Ideal ist: verheiratet, zwei Kinder, Bauernhof, ethisch bemüht, gottesfürchtig. Verständigung wäre möglich gewesen.
Was mich aber nachhaltig unruhig lässt, ist ein anderer Umstand: dass ich vor diesem Prinzip einknickte.
Mein Auftrag ist mir, Räume zu halten, damit wohlwollende Diskussion entstehen kann. Und ich weiß, dass mein Möglichkeitsraum zumindest eine dogmanichtende Frage hervorgebracht hätte – nur kam sie mir in diesem Moment nicht über die Lippen.
Ich habe meine Richtung nicht vertreten. Ich habe auf Harmonie gesetzt statt auf Wahrheit – auf ein schnelles Tischabräumen der Szene, nicht auf den brennenden Degustationsschnaps. Mein Abgang wird ihm als Bestätigung dienen.
Das erklärt auch den Überdruss, den ich in den Tagen danach gegenüber Philosophie und Intellektualität spürte: Menschen finden einen Satz, der sie anspricht, verstecken sich dahinter – und klopfen anderen damit auf den Kopf, um zu sehen, wie lange er standhält. Die einen machen es mit Bibelzitaten, die anderen mit berühmten Versatzstücken. Der Mechanismus ist derselbe: Man steht nicht ein, man spielt Rollen. Wo bleibt der Ernst einer gründlichen Hintergründlichkeit?
Und so sage ich es mutig: Das Anhaften an seinem gewohnt-gesalzenen Wiener Schnitzel machte den Strenggescheitelten zum intellektuellen Gecken. Das lehne ich ab – es hat keinen Boden, schon gar keine allgemeingültige Lebensbewandtnis.
Gleichzeitig musste ich mir eingestehen: Vielleicht triggert mich dieser Fundamentalismus auch deshalb, weil ich die Sehnsucht nach einfachen Antworten selbst kenne – in mir, in meiner Geschichte, in meinen vergangenen Identifikationen.
Ist es nicht unglaublich verlockend?
Dogma schenkt Selbstgewissheit. Diese Unzweifelhaftigkeit hätte ich manchmal auch gern: die eine Zutat zu finden, die alles zu Ende würzt.
Hier schenke ich mir wieder Demut ein.
Er war mir Spiegel für eine Versuchung in mir: mich hinter einer Idee zu verstecken, statt mich in den lebendigen Bezug zu stellen. Das macht die Sache nicht harmloser – im Gegenteil. Der Typ war mir mein eigener Schatten, der mir als bodenlose Antwort entgegentrat.
Und da meldet sich ein Verdacht: Dient mir mein Verstehenwollen manchmal als vornehme Ausrede, keinen Standpunkt beziehen zu müssen?
…
Im Schein des Spiegels weiß ich: Es gibt diese eine Zutat nicht. Selbst wenn unser abendländischer Geist und Gaumen sich ans Salz gewöhnt haben – andere kochen ohne.
Wenn ich den Burschen mit etwas Abstand betrachte, ahne ich zugleich, welche Schuld-, Angst- und Schamlast einer tragen muss, um sich so zu verhärten. Einer, der aus Braunau flüchtet, aus einem Haus „fundamentaler Christen“, ist vermutlich nicht nur vor den Eltern auf der Flucht – sondern vor einer Hölle, die man ihm über Jahre in die Imagination gebrannt hat: jede Regung des Leibes verdächtig, jedes eigene Denken potenziell sündig, jeder Zweifel bereits Abfall von Gott.
Diese blitzblauen Augen, die mich durchbohren wollten, sind vielleicht eher die erstarrten Tränen eines Kindes, das einmal zu oft beschämt wurde, um noch weich sein zu dürfen.
Das rechtfertigt nichts – aber es macht das Gericht schwerer verdaulich.
Herzöffnung. Ja: die hätten wir beide gebraucht. Denn die innere Wahrheit ist leise, weit und frei; sie macht mundwarm, nicht brennheiß.
Ich saß bis zum Sonnenaufgang. Die Morgenröte zierte sich am Fenster empor, und allmählich vernahm ich den Geruch gebackenen Brotes.
Ich habe nicht Christentum erlebt, dachte ich, sondern seine Karikatur – nicht das Brot des Lebens, das man teilt; nicht jenes, das der Nazarener brach. Was mich angeekelt hat, war nicht der Glaube an sich, sondern seine billigste Reduktion auf Regeln.
Es gibt keinen Boden im Sinn absoluter Sicherheiten. Tragend wird der Entschluss, sich im Offenen zu bewähren – gemeinsam mit Anderen, die dasselbe wagen. Zwischen Frage und Antwort liegt die kleine Offenbarung des Vollzugs.
So kam ich zurück zur Philosophie – nicht als Rolle, sondern als Küche.
Kenne nicht nur die Rezepte: verändere sie, damit darin Leben weit wird.
Kenne nicht nur die Zutaten: kenne die Bauern und grüße sie herzlich.
Kenne nicht nur den Bauern: kenne seine Felder und hilf mit bei der Ernte.
Kenne nicht nur die Felder: kenne die Witterung und halte sie aus.
Kenne nicht nur die Witterung: kenne das kosmisch Gefügte und huldige.
Und hierseitig: Koche mit dem, was da ist. Mit dem Unmittelbaren.
So fügt sich auch die letzte Erkenntnis nahtlos ins Eingemachte zurück: als lebendiger Versuch – nicht als fertiges Urteil.